Der große Unbekannte

Der Sinn des Lebens ist ein großer Unbekannter. Hat ihn schon mal jemand gesehen? Mit ihm geredet? Ist schon mal jemand mit ihm an einer Straßenecke versehentlich zusammengestoßen? Soweit ich weiß: Nein. Mir ist jedenfalls niemand bekannt, der den Sinn des Lebens in seinem Bekanntenkreis hat. Da kommt doch unweigerlich die Frage auf: Gibt es ihn überhaupt? Oder ist er vielleicht ein Phantom, ein Fantasiegebilde, gar eine Verschwörung? In etwa so wie Bielefeld, das gibt es ja anscheinend auch nicht.

Wie auch immer. Klar ist jedenfalls, dass es ein ziemlich interessanter Kerl sein muss, denn alle suchen nach ihm. Es scheint ziemlich hip zu sein, sich mit dem Sinn des Lebens abzugeben, nur so wirklich gefunden hat ihn noch niemand. Aber wo soll man auch suchen?

Im Fundbüro? Bei der Bahnhofsmission? Könnte ja sein, dass er den Weg zu mir nicht gefunden hat und im Großstadtdschungel verlorengegangen ist. Denn weil er eben der große Unbekannte ist, wissen wir ja auch nicht, wo er wohnt. Können ihn also nicht aufsuchen. Also erwarten wir, dass er zu uns kommt. Ich stelle mir immer vor, dass es irgendwann mal an der Tür klingelt, ich öffne und ein Herr im grauen Mantel steht im Flur und sagt „Guten Tag, ich bin der Sinn des Lebens“. „Ach wie schön“ sage ich, „ich habe Sie schon erwartet. Oder darf ich Du sagen?“ Ich bitte ihn herein, biete ihm etwas Gebäck an und während wir Kaffee aus weißen Porzellantassen schlürfen, reden wir über ihn. Er erzählt mir von den ganzen Wie’s und Warum’s und Weshalb’s und ich sage Ah und Aha und Achso, weil mir plötzlich so viel klar wird. Das geht so bis tief in die Nacht. Dann muss er los. Kurz bevor er geht, lässt er mir noch einen Projektplan da, in dem meine To do’s der nächsten Jahre feinsäuberlich aufgeschlüsselt sind, sowie seine Visitenkarte mit dem Hinweis, ich könne ihn jederzeit anrufen, wenn es noch Fragen gibt.

Vielleicht ist er ja tatsächlich ein Vertreter. Er ist nur leider der einzige seiner Branche und hat dementsprechend viel zu tun. Das würde erklären, warum manche Leute, also die, die man vom Hörensagen kennt, warum die angeblich den Sinn des Lebens schon gefunden haben. Die wohnen vielleicht in einem Postleitzahlengebiet, welches auf seiner Dienstreiseliste weit oben steht. Meine Postleitzahl beginnt mit einer 8. Das kann also noch dauern, bis er bei mir klingelt.

Vielleicht ist er aber auch ein Eremit, der einfach nicht gerne unter Leute geht. Der sich nicht so gerne zeigt und lieber gemütlich in seiner Höhle sitzt. Da jedoch eine alte Regel besagt: Wer sich rar macht, wird für seine Umwelt nur noch interessanter, fingen Coaches, Lebensberater und spirituelle Weisen an, sich eigene Vorstellungen über diesen Eremiten zu machen. Sie sammeln ihre Ideen in Büchern, beschreiben ihn in allen Facetten, von allen Seiten, in allen Farben. Sie scheinen ihn einzukreisen und zu rufen: Sinn komm raus, du bist umzingelt! Aber der große Unbekannte bleibt unsichtbar und lacht sich ins Fäustchen, weil er bei amazon alle 17274 Bücher gelesen hat, die es über ihn gibt.

Wer auch immer er ist, dieser große Unbekannte, ich hoffe weiter auf ein Blind Date mit ihm. Ich habe jedenfalls immer etwas Gebäck im Haus, falls er mal klingelt.

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