Nachruf auf den Bierdeckel

Warum, Bierdeckel, warum nur?

Fassungslos stehen wir vor der Nachricht von deinem Tod. Unerwartet traf dich die Diagnose: Insolvenz. Diese Krankheit der modernen Wirtschaft hat dich aus dem Leben gerissen. Ein Leben, welches einer einzigartigen Erfolgsgeschichte gleicht. Klein angefangen, klein geblieben, aber groß raus gekommen.

Als du vor gerade mal 100 Jahren das Licht der Welt erblicktest, warst du nicht mehr als ein Faserguss-Untersetzer. Doch in kürzester Zeit hast du die internationale Kneipenszene erobert und sie geprägt wie kein anderer. Du hast dich geschickt platziert, dich hochgearbeitet und damit bewiesen, dass du auch als Deckel taugst. Unvergessen, wie du der großen Bierkrug-Klappe aus Metall das Monopol abgelaufen hast. Dein Name zeugt noch heute von dieser Blütezeit: BierDECKEL.

Wie soll es weitergehen ohne dich?

Immer zuvorkommend, immer unterlegen, am Boden zu sein war dein Lebensinhalt. Du warst die Always Ultra eines jeden Bieres. Saugstark und formstabil.

Stillschweigend hast du selbst Maßkrüge ertragen. Doch auch für die Schwachen warst du da, für die Apfelschorlen und die Mineralwasser. Sie alle verdankten dir einen trockenen Fuß. Niemand konnte wie du Funktionalität und Entertainment auf so charmante Weise verknüpfen. Du hast dich in deiner Form immer wieder neu erfunden und bist dir doch treu geblieben. Wir liebten deine Rundungen genau wie deine Ecken und Kanten. Mit dir geht uns nicht nur ein begehrtes Sammlerobjekt verloren, sondern auch ein Notizzettel der besonderen Art. Wie viele Ideen wurden schon auf dir geboren? Wie viele Liebesbeziehungen nahmen mit dir ihren Anfang? All das soll nun vorbei sein?

Wer führt in Zukunft so ordentlich die Strichliste, wenn wir schon längst nicht mehr fähig sind zu zählen? Wer gibt unseren Händen eine Beschäftigung, wenn sie nervös nach Halt suchen? Vergib uns die Kartenhäuser und all die anderen Misshandlungen, denen du so oft zum Opfer gefallen bist. Wir hatten nie die Absicht, dich ernsthaft zu verletzen. Du warst unser Anhaltspunkt, unser Biervorleger, unser Pappkamerad.

Deine Abwesenheit reißt eine schwere Lücke in das Triumvirat aus Glas, Bier und Dir. Nichts wird mehr so sein wie früher, das Glas wird nicht mehr wissen, wo es gestanden hat, es wird ungefedert auf den nackten Tisch knallen, womöglich darauf ausrutschen, das verspritzte Bier wird sich nicht mehr in deinen schützenden Schoß zurückziehen können, es wird sich irgendwo auf dem Tisch zusammenpfützen und grausam der Verdunstung preisgegeben.

An feuchten, klebrigen Tischen lässt du uns zurück. Du wirst uns fehlen.

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