Kampfrede einer Zahnbürste

Und ich sage euch, früher war alles besser. Früher, ganz früher, da waren wir ein Luxusprodukt. Nur für die Wohlhabenden. Aus Knochen und Kuhborsten oder Rosshaaren wurden wir gemacht. Ein echtes Naturprodukt! Napoleons Zahnbürste war sogar aus reinem Gold, mit einem großen N eingraviert! Wo gibt’s denn so etwas heute noch? Diese Individualität? Zur Massenware sind wir verkommen! Aus billigem Kunststoff. Mit den immer gleichen Streifen in Rot oder Blau, die, ja was eigentlich, ausdrücken sollen? Sportlichkeit? Coolness? Dabei sehen sie aus wie Trainingsanzüge aus den 80ern.

Früher, da hatten wir einfach Borsten, die ihren Zweck erfüllten. Gut, vielleicht waren die manchmal etwas grob und haben das Zahnfleisch gleich mit weg gebürstet, aber die Zähne waren sauber. Punkt. Und dann, dann kamen die Hippie-Zahnbürsten mit ihrem neumodischen Zeugs: X-Borsten, abgerundete Borsten, Hoch-Tief-Borsten, Schwingkopf, Kurzkopf, Wechselkopf. Eine Generation von Softies und Mittelharten wuchs heran, die sich mehr um ihr Aussehen und ihre Bezeichnung kümmern als um ihren Job. Und nicht zu vergessen die Klugen, die meinen sie müssten nachgeben. Wie stehen wir denn jetzt da, so völlig verweichlicht? Uns nimmt doch keiner mehr ernst.

Kein Wunder also, dass auch wir von der Technik verdrängt werden, von diesen Oral-Vibratoren. Früher, da haben wir noch selbst geschrubbt. Jetzt werden die kreisförmigen Putzbewegungen outgesourct. Da kommen diese klobigen Roboter mit Rotation, Schall und Ultraschall daher und nehmen uns unsere Arbeit weg. Mit ihrem unschuldig kleinen runden Köpfchen versuchen sie die Zähne mit oszillierend-rotierenden Bewegungen einzulullen. Dabei wissen sie noch nicht mal, wie man das schreibt. Oder sie gehen mit Hochfrequenzschwingungen auf die Zähne los. Was soll das? Wir sind doch nicht bei Star Wars! Dazu ihr erbärmliches Brummen, das klingt wie ein Spielzeughubschrauber, der sich in der Küchenlampe verfangen hat, aber nicht wie Zähneputzen. Das vertraute, gleichmäßige Schrubb-Schrubb, welches über Jahrhunderte aus den Badezimmern zu vernehmen war, wird mehr und mehr durch mickrige Kärchergeräusche ersetzt, die nebenbei erheblich die meditative Wirkung des Zähneputzens stören.

Und seit wann gibt es eigentlich diese miesen kleinen Interdentalbürsten? Die meinen ja, sie hätten eine Nische gefunden und drängeln sich nun auch noch dazwischen. Reicht es denn nicht, dass diese aalglatte Zahnseide jeden Abend nochmal nachsehen muss, ob wir denn auch wirklich nichts vergessen haben? Nur um uns dann mit abschätzigem Blick die Bröckchen zu zeigen, die am seidenen Faden hängen? Wo ist das Vertrauen in uns hin? Und wo soll das noch hinführen? Was kommt als nächstes? Laserstrahlen? UV-Licht? Oder eine Zahnputz-App?

Zahnbürsten dieser Welt, vereinigt euch! Wir dürfen uns aus den Mündern nicht verdrängen lassen! Lasst uns das Erbe bewahren! Seid stark! Und seid gewiss: spätestens, wenn die Energiekrise akut wird, werden sie wieder auf uns zurückkommen.

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