Schnaps mit der Liebe

Ich habe die Liebe getroffen. Sie war anders, als ich sie mir vorgestellt hatte.

Letzthin endete ich nach einem Cocktailabend mit Freunden unerwartet in einer Kaschemme. Irgendetwas hatte mich hineingezogen und so saß ich plötzlich in diesem ranzigen alten Laden in schummrigem Licht an der Bar. Außer mir saß nur noch eine etwas abgewrackte Dame mit zauseligem Haar und wilden Klamotten an einem der Tische in der Ecke und redete auf die leeren Schnapsgläser vor sich ein: „Wozu mach‘ ich das eigentlich? Wozu? Das hat doch alles keinen Sinn.“ Sie sah irgendwie fertig aus. Der Barmann stellt mir ein Bier hin, bemerkte meinen Blick zu der Dame und meinte beiläufig: „Das ist die Liebe.“ Ich schaute ihn ungläubig an: „Nein!“ „Doch. Die kommt öfter. Scheint eine Art Identitätskrise zu haben. Oder Burnout.“ Ich sah, wie er ihr ein weiteres Glas Schnaps einschenkte und es ihr brachte. Doppelkümmel. Wie bitte? Die Liebe trinkt Doppelkümmel? In meiner Vorstellung nippte die Liebe samtigen Rotwein aus großen, bauchigen Gläsern. Aber doch keinen Kümmel! Wer weiß, was ich noch so für falsche Vorstellungen von ihr hatte. Ich musste mit ihr reden. Das war die Gelegenheit.

Mit meinem Bier in der Hand ging ich zu ihr. Aus der Nähe bemerkte ich, dass sie gar nicht wirklich groß war. Auch da hatte ich mich also getäuscht. Ich fragte höflich: „Entschuldigung, darf ich mich setzen?“ Die Dame schaute aus müden Augen zu mir auf, nickte dann nur einmal kurz und wies mir mit dem Blick den Platz ihr gegenüber zu. Ich setzte mich. „Darf ich Sie etwas fragen?“, versuchte ich vorsichtig das Gespräch zu eröffnen. Sie grummelte nur ein fragendes „Hm“ und schaute mich unbeteiligt an. „Ähm, also“, ich war etwas nervös, ich wollte es mir mit der Liebe ja nicht gleich vermasseln, „ich, äh, ich wollte mal wissen, wie das mit Ihnen so funktioniert, also, nach welchem Prinzip Sie arbeiten.“ „Prinzip?“, schnauzte sie mich an, „was denn für’n Prinzip?“ „Naja, also ob es da einen Plan gibt, nach dem Sie die Leute besuchen“, ich bemühte mich, freundlich zu klingen, „in der Grundschule, da war ich mal verliebt, aber seitdem, ich wollte nur wissen, ob Sie nochmal vorbeikommen.“ In leicht genervtem Ton, in dem sich auch schon die unzähligen Schnäpse niederschlugen, raunzte die Liebe zurück: „Alle wollen immer, dass ich mal vorbeikomme. Ich bin doch nicht der Weihnachtsmann!“ Na prima, das hat ja super geklappt. „Nein, nein, ich wollte ja auch gar keinen Druck machen“, ich versuchte zu scherzen, „you can’t hurry love, schon klar, haha.“ Sie fand es nicht lustig.

Hast du eine Ahnung, wie viel ich zu tun habe? Ich muss mich um die Babys und die Kinder kümmern, muss Familien zusammenhalten, Freunde verbinden. Überall werde ich gebraucht. Vor allem in Nahost.“, die Liebe blickte nachdenklich in ihre leeren Gläser. „Jeder will geliebt werden. Und jeder sollte geliebt werden. In irgendeiner Form. Aber seit diese Idee von der romantischen Liebe populär wurde, komme ich einfach nicht mehr hinterher.“ Sie winkte dem Barmann, der ihr, und mir, prompt ein neues Glas Kümmel brachte. Mit einem Schluck kippte sie es hinunter und fuhr fort: „Früher, da hatte ich noch Zeit und Muße für wahre Liebe, für Romeo und Julia, Tristan und Isolde, für Cäsar und Cleopatra, Albano und Romina Power. Der Normalsterbliche hat gar nicht über mich nachgedacht, sondern war zufrieden, wenn er ein Weib für den Haushalt oder einen verdienenden Ehemann hatte. Doch seit Jane Austen so blümerant über mich geschrieben hat, wollte auf einmal jeder so etwas haben. Das ist als würden plötzlich alle ausschließlich bio kaufen, wie soll das gehen?“ Die Liebe knallte das Glas, mit dem sie bis eben rumgefuchtelt hatte, auf den Tisch. Ich nippte noch an meinem fürchterlichen Kümmel und gab zu bedenken: „Naja, aber es ist doch auch eine schöne Sache eigentlich, jemanden zu finden, der einem in die Seele schauen kann, der einem das Gefühl gibt, wertvoll zu sein, der einem neue Impulse gibt. Jemand, der etwas in einem auslöst, was man bis dahin vielleicht gar nicht kannte.“ Die Liebe verdrehte die Augen: „Fang du auch noch an.“ „Ich kenn’s auch nur vom Hörensagen“, sagte ich zu meiner Verteidigung und leerte das Glas. Auf magische Weise standen schon zwei neue Schnäpse vor uns. „Siehste, da hassus“, die Liebe fing langsam an zu lallen, „das Bild, das sie von mir verbreitet haben, das is‘ doch gephotoshopped. Ich wurde missbraucht. In Film und Fernsehen, in Büchern und Magazinen haben sie mich verschönt, mit Prinzen und Rosen und Geigen-Musik. Überall tauchte ich plötzlich auf und machte die Menschen, die mich hatten, scheinbar glücklich. Wie ein schnellhaftender Alleskleber musste ich für jedes noch so primitive Pilcher-Pärchen herhalten. Alles bekam einen rosa Filter und ein bisschen Glitter obendrauf. Zum Kotzen is‘ das!“ Zack, das nächste Glas verschwand in ihrem Rachen. Aus Mitleid trank ich meines gleich mit.

Offensichtlich war die Liebe froh, mal jemanden zum Reden gefunden zu haben, denn sie zog weiter vom Leder: „Das Problem ist, dass die meisten Menschen einfach nicht allein sein können. Dann holen sie sich ein bisschen Alleskleber und eine Portion Glitter und erwarten, dass der Partner so für immer bei ihnen bleibt. Andere beklagen sich, wenn ich nicht so lange bleibe. Aber ich kann doch nicht bei allen ständig dabei sein und Händchen halten. Die müssen das doch auch so hinkriegen. Radfahren muss man schließlich auch irgendwann ohne Stützräder. Und komischerweise, manche von denen können es auch. Aber andere, die fauchen sich schon an, kaum dass ich aus der Tür bin. Und dann klingelt irgendwann der Hass und sie machen ihm auch noch auf.“ „Das klingt nach Sisyphos-Arbeit für Sie“ schob ich dazwischen. „Das kannste laut sagen!“, die Liebe klang erschöpft, „verstehste jetzt, warum ich nicht mehr zu meiner eigentlichen Arbeit komme?“ „Weil Sie Ihre Zeit mit Hinz und Kunz verplempern müssen“, langsam fing auch ich an zu lallen. „Und weil so viel von mir erwartet wird. Die Leute sind ja nicht so leicht zufrieden. Die wollen ja immer sämtliche Extra-Features wie Humor und Leidenschaft passgenau mit dazu haben, bevor sie glauben, dass es Liebe ist.“ „Aber“, ich hing schon halb über dem Tisch und gab mit dem Zeigefinger meiner lallenden Aussage Nachdruck, „es gibt auch Menschen, die wunderbar den Alltag zusammen meistern, bei denen die Kommunikation und der Humor stimmen, bei denen aber die Liebe fehlt. Das Bizzeln. Die Glut. Das Kribbeln. Oder wie auch immer sich das äußert. Das zum Beispiel weiß ich aus eigener Erfahrung. Dieses Gefühl, dass etwas fehlt.“ Ich wartete, bis der abschließende Satz mein Gehirn erreicht hatte: „Warum gehen Sie denn nicht zuerst zu denen? Da würden Sie doch auf fruchtbaren Boden treffen. Das wär doch für alle Beteiligten das Beste. Also quasi win-win.“ Ich schaute die Liebe erwartungsvoll an. Sie schaute lange zurück. Blinzelte sanft mit den Augen, als würde sie intensiv diese Erkenntnis verarbeiten. Dann sagte sie schlicht: „Keine Ahnung.“ Und stand auf. „Ich muss nach hause.“ Sie griff ihre Jacke und den Hut und suchte nach dem Gleichgewicht. „Ich bringe Sie“, sagte ich höflich, hakte sie unter und gemeinsam torkelten wir zur Tür.

Draußen stand ein knutschendes Pärchen, welches ich aus dem Augenwinkel beobachtete. Als ob sie es bemerkt hatte, stellte die Liebe klar: „Damit habe ich nichts zu tun! Das ist die Leidenschaft, die zieht auch gerne mal ohne mich los.“ Wir gingen durch kühle Morgenluft der Dämmerung entgegen. „Und unter uns“ flüsterte die Liebe, „das mit Romeo und Julia damals, da war auch viel Leidenschaft dabei. Ich kam da nicht wirklich zum Zug. Und ich bin mir ziemlich sicher, Julia hätte sich auch aufgeregt, dass Romeo auf der Couch liegt, während sie die Wäsche abnehmen muss. Aber soweit ist es ja leider nicht gekommen.“ In meinem Kopf drehte sich inzwischen alles. Ich hatte einen Abend mit der Liebe verbracht und war kein bisschen schlauer als vorher. Trotzdem überlegte ich, der Dame noch meine Adresse zuzustecken, damit sie mich vielleicht schneller fand. „Ach Kind“, sagte sie, als hätte sie meine Gedanken gelesen, „bevor ich ins Spiel komme, muss es ja erstmal zwei Menschen geben, die überhaupt aufeinander treffen und dann müssen die sich auch noch riechen können. Da müssen also erstmal der Zufall und die Chemie ihre Arbeit tun. Ich bin dann der Schmetterling, der für das Flattern sorgt. Aber warte nicht auf mich, ich weiß nicht, ob ich’s schaffe.“ Mit diesen Worten verschwand die Liebe in einem dunklen Hofeingang und ward nicht mehr gesehen. Zumindest nicht von mir.

 

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3 Kommentare zu „Schnaps mit der Liebe“

  1. Toll! Einzigartige Sichtweise der Dinge und unglaubliche Leichtigkeit in der Übersetzung für uns „Blinde“. Ich bin sehr beeindruckt von Ihrer schöpferischen Begabung, Frau Rülke…

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