Sonntag ist ein Arsch

Ich möchte den Sonntag verklagen!“, sagte mein Leben mit echter Überzeugung im Blick. Wir saßen bei einem Anwalt für öffentliches Recht, den sich mein Leben im Internet gesucht hatte, weil es der Meinung war, man müsse endlich mal etwas gegen diesen miesen Sonntag unternehmen. „Sie möchten den Sonntag verklagen?“, fragte der Herr im Anzug höflich nach und schaute mich fragend an. Ich zuckte nur mit den Schultern, denn diese Idee war nicht auf meinem Mist gewachsen, obwohl ich die Sache durchaus unterstützte.

Jawoll. Verklagen. Dem Sonntag gehört das Handwerk gelegt!“, mein Leben schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Nun ja“, begann der Anwalt, „was wollen sie ihm denn zur Last legen?“. Als hätte es auf dieses Stichwort gewartet, zog mein Leben einen sorgfältig gefalteten Zettel aus der Hosentasche, entfaltete ihn und las bedeutungsvoll vor:

„Es handelt sich um folgenden Sachverhalt: Regelmäßig am letzten Tag der Woche tritt der Sonntag jeweils für 24 Stunden in Erscheinung und sorgt dabei bundesweit bei einem Großteil der berufstätigen Bevölkerung für Verstörung, meist im Zeitraum zwischen Aufwachen und Zubettgehen. Dazu bedient er sich folgender Mittel:

  1. Heuchelei. Vortäuschung eines Ruhetages mit anschließender Abfrage des geschafften Tagespensums
  2. Erpressung zur sinnvollen Nutzung der zur Verfügung gestellten Stunden
  3. Illegale Verbreitung depressiver Verstimmung durch Erregung von Angst vor der anstehenden Woche und durch Anstiftung zum Grübeln über den Sinn des Lebens“

Mein Leben war offensichtlich gut vorbereitet und sah sich wohl schon im Gerichtssaal dem Schurken das Handwerk legen.

Nun“, räusperte sich der Anwalt und schob mit dem Finger seine Brille hoch, „das ist jetzt kein wirklicher Tatbestand.“ „Hören Sie“, mein Leben ließ sich nicht entmutigen, „das Wohl einer ganzen Nation hängt davon ab! Wie sieht es denn bei ihnen aus? Wie ist denn ihr Verhältnis zum Sonntag?“ Mein Leben beugte sich über den Tisch und sah den Anwalt eindringlich an. „Das tut doch nichts zur Sache…“ „Antworten sie!“ befahl mein Leben und der Anwalt druckste perplex herum: „Nun, ich äh, mag ihn eigentlich auch nicht sonderlich. Er ist mir unsympathisch.“

„Ha!“, mein Leben sprang auf, „unsympathisch. Ein heuchlerisches Arsch, das ist er!“ Geladen vor Wut tigerte mein Leben durch das Büro des Anwalts. „Prahlt mit seiner Sonderstellung, nur weil er mal in der Bibel erwähnt wurde. Am siebten Tag sollst du ruhen. Pfff. Das ist doch verlogen!“ Der Anwalt schaute mich besorgt an, doch ich zog nur kurz die Augenbrauen hoch, bevor mein Leben weiter vom Leder zog: „Denn eigentlich will er dich gar nicht ruhen lassen. Morgens macht er noch einen auf Gönner: ‚Nee, schlaf ruhig aus, erhol dich mal, tu mal einfach nichts, das ist ok.‘ Und dann am Nachmittag fängt er ganz scheinheilig an zu fragen, was du denn schon so geschafft hast.“ Mein Leben redete sich in Rage: „Denn schließlich sei das ja der einzige Tag der Woche, an dem du mal die Dinge erledigen kannst, zu denen du sonst nicht kommst. Außerdem sei ja morgen schon wieder Montag und dann geht das Hamsterrad wieder los und deshalb wäre es doch wirklich besser, wenn du die Zeit nutzen würdest.“ Mein Leben blieb stehen, fokussierte den Anwalt und wurde laut: „Wie soll man sich denn da erholen, wenn man so unter Druck gesetzt wird?“

Aber es zwingt sie doch keiner, etwas zu erledigen, sie können doch…“ setzte der Anwalt an, doch mein Leben hörte ihn nicht und fuhr fort, wie ein Staatsanwalt, der in sein Plädoyer vertieft war. „Der Samstag, das ist eine ehrliche Haut. Er macht dir nichts vor. Beim Samstag weißt du, dass er dich zum Putzen der Wohnung anhalten wird und zum Einkaufen schickt. Da ist er verlässlich. Am Abend hat er sogar meist noch etwas Nettes mit dir vor, einen Drink mit Freunden oder Kino oder sowas. Der Samstag überzeugt mit einer gewissen Struktur und Geschäftigkeit.“ Mein Leben hielt für einen Moment inne, „der Sonntag hingegen…Stillstand. Leere. Kein Baumarkt, der geöffnet hat. Keine Shoppingmall, in der man sich in den Konsum stürzen könnte. Stattdessen sitzt da dieser Sonntag, gestriegelt und aalglatt wie ein Versicherungsvertreter vor einer Tasse Filterkaffee und stellt einem mit falschem Lächeln Fragen, die man nicht beantworten kann: Wer bin ich? Was tue ich eigentlich? Wo will ich hin? Sollte ich lieber etwas anderes tun? Macht das alles überhaupt Sinn? Warum bin ich allein? Warum bin ich mit diesem Typen zusammen? Bin ich glücklich?“

Mein Leben blieb stehen und schaute pathetisch. „In dem Moment, in dem der Sonntag seinen kunstledernen Aktenkoffer öffnet, tut sich ein großes schwarzes Loch auf.“ Der Anwalt schwieg und blickte erwartungsvoll. „Der Sonntagsdepri“, flüsterte mein Leben, „steigt aus diesem Abgrund hervor und legt sich wie ein grauer Schleier über den Rest des Tages. Plötzlich erscheint dir alles hoffnungslos, plötzlich graut dir vor der kommenden Woche und all seinen Aufgaben, plötzlich wird dir die Endlichkeit des Wochenendes und seine allzu kurze Erholungsmöglichkeit bewusst. Du spürst, wie dir die Zeit durch die Finger rinnt, nicht nur die 48 Stunden des Wochenendes, sondern jede einzelne Minute deines Lebens. Lebst du überhaupt, fragst du dich. Was kommt da noch? Außer dem Berg Bügelwäsche. Du wirst niedergedrückt von der Last dieser existentiellen Fragen und sehnst dich nach dem Abend, in der Hoffnung, dass das Grauen dann vorbei ist. Zeitig schlafen gehen ist dein einziger Ausweg. Oder der Tatort.“ Wie ein Panther schlich mein Leben auf den Anwalt zu „was glauben Sie, warum so viele Menschen Tatort gucken? Damit sie von ihrem eigenen elenden Dasein abgelenkt werden. Der Tatort wurde doch nur erfunden, um das schwarze Sonntagsloch zu füllen.“

Mein Leben stützte sich mit beiden Händen auf den Schreibtisch, beugte sich vor und fokussierte den Anwalt, „Und jetzt sagen Sie mir, ist das alles Sonnenschein und Lebensfreude?“ Der Anwalt, der mittlerweile ehrfürchtig in seinem Stuhl versunken war, schüttelte kaum merkbar den Kopf. „Sehen sie“, rief mein Leben, „der Sonntag erfüllt seine Aufgabe nicht! Das ist Amtsmissbrauch! Und jetzt verklagen Sie ihn endlich!“ Mein Leben ließ von seinem Opfer ab und setzte sich. „Ich, ich, äh,“, stotterte der Anwalt, „ich schau mal, was ich machen kann. Und an wen ich die Klageschrift richten muss.“ „Sie sind unser Mann! Verknacken Sie den Burschen!“, mit diesen Worten sprang mein Leben wieder auf, schüttelte dem Anwalt die Hand und ging Richtung Tür, „Wenn Sie noch weitere Beweise oder Zeugenaussagen benötigen, sagen Sie Bescheid. Das wird ein Präzedenzfall, aber die Menschen werden es ihnen danken! Au revoir!“

Als wir draußen auf der Straße waren, schaute ich mein Leben respektvoll an und staunte: „Du hättest Anwalt werden sollen. Dein Plädoyer da gerade war echt filmreif.“ „Ach was,“ winkte mein Leben ab, „man muss nur überzeugt auftreten, dann wird man auch ernst genommen. Wir haben jedenfalls den ersten Schritt getan, um diesen miesen Sonntag zur Strecke zu bringen. Ich seh‘ schon die Schlagzeile in der BILD: ‚Sonntag im Knast! Der 7. Tag soll nun ruhen.“

Aber“, wagte ich vorsichtig zu fragen, „wer nimmt denn dann eigentlich seinen Platz ein? Ich meine, gibt es einen Nachfolger, einen Vize-Sonntag oder so? Oder gehen wir dann direkt von Samstag auf Montag über?“ „Hm“, mein Leben überlegte, „das wäre ja auch blöd. So ganz ohne Sonntag. Vielleicht sollten wir lieber noch einen Tag einführen, also zusätzlich. Einen Samsonntag. Oder einen Smontag. Das wäre doch schön. Ich werde mal herausfinden, wer da zuständig ist.“ Mit diesen Worten stapfte es davon. Manchmal hat mein Leben echt komische Ideen.

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