Mein Waschbrett ist ein Frontlader

Ich habe genug von dem Versteckspiel“, vermeldete mein Bäuchlein eines Morgens. Ich stand vor dem Spiegel und blickte auf eine deutliche Wölbung in meiner Mitte. „Was soll das heißen?“, fragte ich überrascht. „Nun, das soll heißen, dass ich mein Schattendasein beenden werde“ sagte mein Bäuchlein aus tiefer Überzeugung. „Ich komme mir vor wie ein Geheimagent. Seit Jahren muss ich mich im Hintergrund halten, im Verborgenen arbeiten. Ich lebe pausenlos in Angst entdeckt zu werden. Damit ist jetzt Schluss. Ob es dir passt oder nicht, ich lasse mich nicht länger verleugnen.“ Das war nicht zu übersehen, mein Bauch hatte sich zu einer auffälligen Rundung geformt. „Aber deshalb musst du dich doch nicht gleich so hängenlassen“, sagte ich in der Hoffnung, über das Ausmaß seiner Entscheidung noch verhandeln zu können. „Ich lasse mich nicht hängen, ich bewege mich nur in der mir zustehenden Komfortzone“, erwiderte mein Bäuchlein, „von nun an werde ich mich nicht länger zurückziehen.“ „Das verstehe ich ja“, gab ich mich nachsichtig und drehte mich ins Profil, was die Sache allerdings nur verschlimmerte, „aber schau mich doch an, ich sehe aus wie schwanger.“ „Na und?“, fragte mein Bauch, „was ist daran so schlimm? Schwangere Bäuche werden immer sehr wohlwollend betrachtet. Wo ist der Unterschied, ob da was drin ist oder nicht?“ Ich stutzte.

Und außerdem“, fuhr mein Bäuchlein fort, „bei kleinen Kindern ist der Bauchi noch sooo süß. Warum findet das bei Erwachsenen keiner mehr knuffig? Man kommt mit einem Bäuchlein zur Welt und die meisten sterben mit einem Bäuchlein. Warum muss er denn zwischendrin flach sein?“ „Keine Ahnung, das hat sich wohl so ergeben“, sagte ich und musste an die „7 Tricks für einen flachen Bauch“ denken, die ich auf gefühlt jeder Internetseite vorgeschlagen bekomme, „Bauch rein, Brust raus und so. Liegt wohl an diesem Schönheitsideal.“ „Pfff, Schönheitsideal, das kann ja nur jemand erfunden haben, der Unterdrückung für eine wirksame Methode hält“, prustete mein Bäuchlein abschätzig, „Apropos, in was für einer Welt leben wir eigentlich, in der es Bauchweg-Gürtel gibt? Bauch-weg? Hallo?! Wie sollt ihr jemals eure Mitte finden ohne Bauch? Wer soll eure Entscheidungen treffen? Und wo sollen die Schmetterlinge hin? Und die Gefühle?“ Mein Bauch rumorte ordentlich. „Und überhaupt, wenn es Bauchweg-Gürtel für zu dicke Bäuche gibt, wieso gibt es dann noch keine Kopfweg-Mützen oder sowas? Für all die aufgeblähten Gockel da draußen, die keiner sehen will. Das wäre doch mal sinnvoll.“ Hm, dachte ich, eigentlich keine schlechte Idee.

Ich versuchte, die Dinge in ein etwas besseres Licht zu rücken: „Das heißt übrigens gar nicht mehr Bauchweg-Gürtel, das heißt jetzt Shapewear.“ Ein erbärmlicher Versuch. „Also quasi, um dem Ganzen eine schönere Form zu geben.“ Ich merkte schnell, dass ich mit diesem Argument nicht weit kam. „Shapewear, interessant“, knurrte mein Bauch, „klingt wie Formfleisch. Ich dachte die Zeit der Korsette sei vorbei?“ Dann machte sich mein Bäuchlein in ernstem Ton Luft, nur diesmal nicht durch den Hinterausgang: „Also jetzt mal rein pragmatisch betrachtet, ich muss hier schließlich auch einiges an nicht ganz unwichtigen Organen unterbringen. Allein ungefähr sechs Meter Darm, die müssen ja irgendwo hin. Die kann ich nicht aufrollen wie einen Gartenschlauch. Und die Darmflora, die braucht Raum und ein angenehmes Klima um zu gedeihen. Aber du behandelst mich seit Jahren wie das Unterdeck der Titanic, wenig Platz und schlecht belüftet. Merkst du eigentlich, dass du nicht mal mehr richtig atmest, weil du mich ständig einziehst? Hier unten kommt kein Lüftchen mehr an.“ Ich achtete auf meinen Atem und merkte, wie er tatsächlich irgendwo kurz über dem Herzen versackte. „Und da wunderst du dich, dass du Dinge nicht mit Nachdruck sagen kannst? Tja. Wie soll ich dich stützen und dir Kraft verleihen, wenn du mich verkümmern lässt wie einen leeren Ballon? So kann ich dir keinen Auftrieb verleihen.“ Das klang logisch. Ich schwieg.

Aber mein Bäuchlein fuhr fort: „Deine morgendlichen Bauchmuskelübungen sind ja ganz nett, aber mal ehrlich, das bringt doch nichts, so halbherzig wie du da rangehst. Das bisschen Gewippe kannst du dir auch sparen. So hältst du mich nicht in Schach.“ Ich schluckte und war überrascht von derart klaren Worten aus dem Bauch heraus. Mein Bäuchlein war aber noch nicht fertig: „Es ist dir peinlich, dich mit mir in der Öffentlichkeit zu zeigen? Weißt du was, MIR ist es peinlich, mich mit DIR zu zeigen. Mit jemandem, der so wenig Wertschätzung für mich und meine Arbeit hat. Das ist traurig.“

Dann herrschte Stille. Ich wartete auf ein vertrautes Gluckern, aber nichts. Zurück blieb nur eine sanfte Wölbung in meiner Mitte. Und die Einsicht, dass ich statt eines Waschbretts wohl einen Frontlader hatte.

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