The grass is always greener on the other side

Ich beneide dich schon manchmal um dein Leben“, sagt meine Freundin jedes Mal, wenn wir uns sehen. Sie meint mein Single-Dasein, das sie selbst vor einigen Jahren für Mann und Kinder hinter sich gelassen hat. „Tja, und ich beneide dich manchmal um deines“, gebe ich ehrlicherweise zurück. Warum nur hat man immer Sehnsucht nach dem, was man eben gerade nicht hat?

Es kommt mir vor, als seien wir Schafe, die immer auf die Wiese hinter dem Zaun schielen und zu sehen glauben, dass das Gras dort deutlich grüner und die Schafe darauf auch irgendwie vergnügter sind als wir. Ich zum Beispiel stehe allein auf meiner Single-Wiese, beiße lustlos ins Gras und wenn ich mampfend aufschaue, sehe ich drüben auf der Weide eine glückliche Schaf-Familie einträchtig beim gemeinsamen Abendessen. Sie blöken fröhlich und angeregt vor sich hin, während ich nebenbei Kreuzworträtsel löse, um die Ödnis des Alleine-Grasens erträglich zu gestalten. Ein anderes Mal komme ich gerade von der Tränke mit einem befreundeten Schaf und schlendere allein Richtung Stall, als ich sie wieder sehe. Die Lämmer quieken und glucksen vor Freude, weil Vater Schaf wie wild mit ihnen herumtollt, bevor er sich zu Mutter Schaf stellt und ihr zärtlich in den Nacken beißt. Ich lege mich in mein Stroh und denke, das einzige was mich beißt, sind Flöhe. Wieder ein anderes Mal komme ich morgens von einer durchblökten Nacht, in der ich keinen Bock hatte, weil nur so blöde Hammel unterwegs waren. Ich sehe, wie die verschlafenen Lämmlein sich zwischen Mama und Papa Schaf kuscheln und leise blöken, wie lieb sie sie haben. Ich versuche mir einzureden, dass mein Stroh mich auch lieb hat.

Gelegentlich stehe ich mit Mutter Schaf am Gatter und erzähle ihr, was ich so sehe und wie schön ich das finde. Dann lacht sie, verdreht die Augen und sagt: „Ja, so eine Familie hat schon was. Ich möchte sie auch nicht missen. Aber ich glaube, du hast bisher nur die halbe Wahrheit gesehen. Was du nicht gesehen hast, sind die endlosen Diskussionen mit den Lämmern beim Abendessen, wer was wie zu essen hat und wer wann warum aufstehen darf. Wie oft ich mich mit Vater Schaf in der Wolle habe über seine Erziehungsmethoden oder über banale Fragen, wie der Stall zu führen ist. Die Energie, die es kostet, sämtliche Interessen dieser Familie unter einen Hut zu bekommen. All das hast du nicht gesehen, aber auch das passiert hier.“ Ich denke gerade darüber nach, wie mein Hirn diese nicht so glanzvollen Dinge offensichtlich ausgeblendet hat, als Mutter Schaf nachschiebt: „Weißt du, was ich sehe, wenn ich auf deine Wiese rüber schaue, während mir gerade mal wieder eines der Lämmer ans Bein pieselt?“ Ich nicke erwartungsvoll. „Ich sehe, wie frei und kompromisslos du auf deiner Wiese herumspringst. Du kannst tun und lassen, was du willst, ohne, dass du auf irgend ein Schaf Rücksicht nehmen musst. Ich sehe, wie du Ruhe und Zeit für die Dinge hast, die dir Spaß machen. Du kannst dir die Nächte um die Ohren schlagen und danach ungestört ausschlafen. Und ich nehme nicht ohne Neid wahr, wie du hemmungslos flirtest und aufregende Abenteuer erlebst, während ich schon jetzt kaum noch besprungen werde. Und wenn, dann immer von demselben. Wenn ich also dein Leben sehe, würde ich manchmal gerne mit dir tauschen.“ „Na so toll ist das mit dem ständigen Alleinsein auch wieder nicht und diese Abenteuer sind manchmal echt anstrengend“, versuche ich zu relativieren. „Du dagegen hast ein sicheres Nest.“

Wir stehen wie bedröppelte am Gatter und wissen nicht mehr, was wir wollen. Der Blick wandert von der eigenen Wiese zur Wiese hinter dem Zaun und zurück. Das Gras auf der anderen Seite scheint plötzlich nicht mehr ganz so grün, dafür leuchtet die heimische Weide an einigen Stellen sichtbar. Mutter Schaf wird nachdenklich: „Ich habe die Single-Weide ja damals bewusst verlassen. Hätte ich es nicht getan, würde ich jetzt genau wie du da stehen und sehnsüchtig herüber schauen.“ „Die Sehnsucht lässt alle Dinge blühen. Der Besitz zieht alle Dinge in den Staub“, hat Marcel Proust mal gesagt“, philosophiere ich und resümiere: „Vielleicht sollten wir uns mehr auf die saftigen Fleckchen im eigenen Feld konzentrieren, uns der eigenen Wiese gegenüber etwas dankbarer zeigen und zu schätzen wissen, was sie uns Gutes hergibt.“ „Ja, das sollten wir“, stimmt Mutter Schaf mir zu. „Und das geht leichter, wenn man weiß, was man woanders verpasst. Also komm doch demnächst mal zu unserem harmonischen Familien-Abendessen vorbei. Du darfst die süßen Lämmlein danach auch ins Bett bringen.“ Mutter Schaf grinst mich wissend an. „Abgemacht. Aber nur, wenn du mit mir mal wieder nachts um die Tränken ziehst und nach Hammeln für mich Ausschau hältst.“ Ich grinse wissend zurück. Es ist gar nicht so schlecht, jemanden auf der anderen Seite zu kennen. Das Grün des Grases wird dadurch nuancierter.

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