Adventskalender-Wettrüsten

Vorsicht“, rief mein Leben, „hier ist alles vermint!“ Wir betraten gerade das Erdgeschoss eines Kaufhauses und befanden uns plötzlich mitten in einem weihnachtlichen Schlachtfeld. Glitzernde Kugeln, blinkende Lichterketten, kitschige Kerzen wohin das Auge reichte. Die Adventszeit war offensichtlich wieder mal im Land eingefallen und die Waffen, mit denen sie ihre Fronten verteidigte, hatten mittlerweile bedrohliche Ausmaße angenommen. Dabei begann es wie immer ganz harmlos. Anfang September. Die Sommerferien waren noch nicht vorbei, da fand man im Handel schon die ersten Vorboten dieser konsumistischen Schlacht. Schokokugeln, die im April noch Ostereier waren. Osterhasen, die nun als Weihnachtsmänner uniformiert in Reih und Glied aufmarschierten. Herzen von Lebkuchen bereit zur Organspende.

Und dann, ab Oktober, setzte es schlagartig ein, das Adventskalender-Wettrüsten. Ich dachte, der kalte Krieg sei vorbei,“ wunderte sich mein Leben, als wir vor einem schier unüberwindbaren Wall aus Adventskalendern standen. Adventskalender unterschiedlichster Kaliber ließen keinen Zweifel daran, dass hier ein Säbelrasseln einer ganz neuen Dimension im Gange war. Die Palette der Munitionen reichte von unscheinbaren Kalenderchen in Postkartenformat mit bunten Bildchen von Vögelchen mit Weihnachtsmützchen bis hin zu mannshohen Geschossen geladen mit nutzlosen Konsumgütern wie Parfüm oder Modeschmuck. Hier rief die Adventsrüstungs-Industrie die Bürger eindeutig dazu auf, sich zu bewaffnen. Um die Zeit des Wartens auf Weihnachten totzuschlagen und die Vorfreude auf den heiligen Geschenke-Abend zu steigern, konnten die Waffen nicht groß genug sein. Einfache Schokolade war offenbar wirkungslos geworden.

Naaaa? Welcher darf’s denn sein?“, säuselte ein geschniegelter junger Mann im Anzug und baute sich repräsentativ vor der Adventskalender-Mauer auf, „wir haben Kalender für Männer, für Frauen, für Papa, für Mama, für Paare, für Schwangere, für Kleinkinder, für den Hund oder die Katz.“ Ich schaute ihn skeptisch an. „Junge Frau, sie müssen doch gewappnet sein! Womit wollen sie denn zurückschlagen, wenn der Partner am ersten mit einem Adventskalender um die Ecke kommt? Da wollen sie doch nicht mit leeren Händen dastehen und kapitulieren müssen, oder? Und auch mit einem einfallslosen Kalender aus den 90ern, sie wissen schon, die mit billiger Schokolade und der künstlerisch niveaulosen Schneelandschaft samt knollnasigem Weihnachtsmann, sollten sie sich nicht mehr vor die Tür trauen.“ Wir hatten es hier offensichtlich mit einem Rüstungsexperten zu tun. Ich druckste gerade ein „Äh“ heraus, als der Verkäufer Lunte roch. „Ach, oder gehören sie zur Infanterie? Die Fußsoldaten, die sich ihre Waffen selber bauen? Jaahaa, das ist natürlich die Königsdisziplin! Was die aus Jutesäckchen, Holz und Pappe so konstruieren, da zeigen sich die wahren Kämpfer. Wer da Kreativität besitzt, ist schon mal im Vorteil, nicht?“ Ich nickte wortlos, doch der Mann ließ nicht locker und beugte sich zu mir. „Aber mal unter uns, das is ja ganz süß, aber mit Pfeil und Bogen kommen sie heute nicht mehr weit. Wenn sie ins Ziel treffen wollen, dann empfehle ich ihnen eine unserer Kanonen hier“, er wies mit seinem Arm in Richtung Adventskalender-Palette, „alle mit 24 Schuss feinster Munition. Damit haben sie den Sieg in der Tasche.“ „Danke, aber ich…“ „Aha, sie können sich nicht entscheiden, kein Problem, ich helfe ihnen! Also, wollen sie lieber einen mit was Essbarem? Müsli, Nüsse, Powerriegel, Gewürze, Honig, Wurst, Marmelade, Chips, Saft, Tee, Kaffee, Bier, Wein, Sekt?“ „Geil“, flüsterte mein Leben und giggelte, „in 24 Schritten zum Alkoholiker!“ Der Waffenverkäufer fuhr eilig fort: „Oder lieber etwas Dekoratives? Strohsterne, Räucherkerzen, Windlichter, Duftkerzen, Glaskugeln, Raumdüfte?“ Ich schaute fassungslos über die endlosen Reihen der Gabenspender in allen möglichen und unmöglichen Formen. „Hier drüben haben wir noch die Kalender mit den praktischen Sachen: Nagelfolien, Badebomben, Hyaloron-Ampullen, Saatgut, Sockenwolle, Sexspielzeug, Kondome, Bücher, Rätsel, Make-up, Werkzeug, Lotterielose und für die Kleinen Spielsachen von Barbie, Bibi und Bob.“

Mein Leben hatte nebenbei zur Erweiterung der Auswahl noch Amazon zu Rate gezogen und klickte sich gerade durch 60.000 Suchergebnisse. „Also ich wäre ja mehr für so Kalender mit immateriellen Dingen wie die hier“, sagte es grinsend und zeigt mir Adventskalender für Wellness, Entschleunigung, Teamwork, Glücksgefühle und gute Laune.

Mir schwirrte der Kopf. Dieses Adventskalender-Wettrüsten hatte eine ganz eigene Dynamik entwickelt und Entspannung war nicht in Sicht. Während ich zum Ausgang stürzte und am Zeitschriftenstand noch den Playboy natürlich mit Adventskalender liegen sah, malte ich mir aus, wo das hinführen würde. In wenigen Jahren würde es Adventskalender mit Bohrmaschinen, High Heels oder Autos geben. Jede Firma würde ihre Produkte ab Herbst nur noch in Kartons mit 24 Türchen ausliefern. Für jeden Berufsstand und jedes Hobby gäbe es den passenden Kalender: Der Adventkalender für den Scheich, 24 wunderbare Yachten! Für Immobilienspekulanten: Spekulatius für Spekulanten. Kleine Wohnungen und atemberaubende Lofts hinter jedem Türchen! Und exklusiv, der Adventskalender für Trump: Werte und Rechte zum Zertrümmern. Inklusive Hammer.

Ich beschloss, mich dieser Schlacht als Kriegsverweigerer zu entziehen. Immerhin war klar, dass schon im Januar die Abrüstung beginnen würde, und bis dahin könnte ich gut ohne tägliches Türchenöffnen leben. Doch dann kam am ersten Dezember mein Leben mit einem Adventskalender um die Ecke. So einem schnöden mit weißer Winterlandschaft und knollnasigem Weihnachtsmann. Und 24 kleinen Milchschokolade-Stückchen in konturschwachen Plastik-Formen. Der erwischte mich eiskalt. „Wie früher“, grinste ich ergeben. „Touché“, sagte mein Leben und lächelte ein Siegerlächeln.

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