Alltag

7.30 Uhr. Die Musik meines Weckers reißt mich aus der Traumwelt. Kaum, dass ich die Augen einigermaßen geöffnet habe und mein Gehirn seine Arbeit langsam aufnimmt, sehe ich ihn schon am Bettrand stehen. Meinen Alltag. In einem dunkelblauen, etwas zu kleinen Anzug steht er da, frisch gestriegelt und voller Erwartung, wie ein Schulkind vor dem ersten Schultag. „Guten Morgen“, sagt er motiviert. Wie jeden Morgen. Mit seinem Klemmbrett in der Hand wippt er ein wenig ungeduldig auf den Fersen auf und ab und wartet, bis ich mich aus dem Bett gepellt habe. Ich weiß genau, was jetzt kommt. Er hat schon alles vorbereitet. Darum nimmt er mich an die Hand und ich folge ihm schlurfend ins Badezimmer. Jeden Tag hat er ein Programm für mich, jeden Tag die Abläufe genau durchgeplant. Er macht das sehr liebevoll. Nur, es ist jeden Tag dasselbe Programm. Die Abläufe sind jeden Tag identisch. Anziehen, frühstücken, zur Arbeit fahren, arbeiten, nach Hause fahren, essen, Haushalt, duschen, schlafen. In dieser Hinsicht hat mein Alltag etwas Zwanghaftes, ja fast Autistisches. Es muss alles genau so gemacht werden wie am Tag davor. Schon bei kleinen Abweichungen wird er nervös und kommt aus dem Konzept. Irgendwie tut er mir leid, wie er so gefangen ist, und ich möchte ihn zwicken, herausholen aus seiner Mühle, ihn fordern. Aber wie?

Sobald ich kurz innehalte um zu überlegen, wie ich ihn überraschen könnte, hat er mich schon wieder am Arm gepackt und sanft zum nächsten Programmpunkt geschoben. „Es muss ja doch gemacht werden“, sagt er dann schulterzuckend. „Aber können wir denn nicht mal was anders machen?“, frage ich, „Muss es immer so sein wie am Tag davor?“ „Manchmal ist das Wetter anders“, gibt mein Alltag zurück, als ob diese Tatsache Veränderung genug sei. Ich bleibe hartnäckig: „Mein Gehirn wird doch gar nicht mehr richtig gefordert, wenn es nur Dinge tut, die es schon hundertmal getan hat, immer in derselben Abfolge.“ „Naja, warum bitte solltest du dich auch VOR dem Duschen abtrocknen wollen? Das macht ja gar keinen Sinn. Oder auf dem Fahrrad Zähneputzen, das ist glaube ich nicht erlaubt.“ Ich verdrehe die Augen, weil mein Alltag so verstockt ist. „Sei froh, dass du mich hast,“ sagt er dann, „ich gebe deinem Tag Struktur.“ „Besten Dank“, erwidere ich, „aber ich bevorzuge das kreative Chaos.“ „Weißt du, wieviel Energie es kosten würde, jeden Tag neu zu überlegen, was alles ansteht und in welcher Reihenfolge es am sinnvollsten zu erledigen ist?“ „So schlimm kann das nicht sein“, gebe ich zurück, „kein Abenteurer weiß vorher was der Tag für ihn bereithält. Kein Abenteurer erlebt zweimal denselben Tag.“ „Das vielleicht nicht, aber auch Abenteurer müssen sich die Zähne putzen.“ Alltage sind so realistisch.

Manchmal möchte ich mich auf den Boden setzen wie ein stures Kind, das keine Lust hat, den stumpfsinnigen Aufforderungen der Eltern nachzukommen. Dann träume ich von einem Leben im anarchischen Reich der Alltagslosen, wo die lästigen Routinen von kleinen Alltags-Gnomen, sogenannten Routiniers, übernommen werden und man selbst endlos Zeit hat, Luftschlösser zu bauen, Schmetterlingen hinterherzujagen oder Purzelbäume zu schlagen. Paradiesisch. Aber sogleich steht mein Alltag neben mir und ermahnt mich zu mehr Disziplin.

Es scheint, als müsse ich mich mit ihm arrangieren. Vielleicht ist ja gerade er das Abenteuer. Abenteuer Alltag, so sagt man doch. Vielleicht muss ich nicht ihn ändern, sondern meine Einstellung zu ihm. Er ist ja schließlich nur für die Abläufe zuständig, die Inhalte darf ich immer noch selbst gestalten. Vielleicht muss ich also dem sturen Kind in mir einfach ein wenig mehr Spaß bieten, damit es den Aufforderungen nachkommt. Ein Tänzchen beim Zähneputzen. Beim Kochen Podcasts hören. Vielleicht muss ich einfach versuchen, die betonierten Pfade meines Alltags etwas zu begrünen, ein paar bunte Blumenkästen hier und da aufstellen. Auf dem Heimweg spontan vom Fahrrad in den Fluss springen. Oder einfach direkt zum Kino weiterfahren.
Wenn ich also in seine Abläufe gelegentlich kleine Prisen Freude, Spontanität und ein Quäntchen Verrücktheit streue, dann bewahrt mich das vor dem gefürchteten Abstumpfen, ohne dass ich seinen Job gefährde.

Zeit zum Abendessen“, ruft mein Alltag und tippt dabei mit dem Stift bedeutungsvoll auf sein Klemmbrett. „Na gut“, sage ich und lasse mich diesmal bereitwillig von ihm an die Hand nehmen. Schließlich warten auf mich ein paar Luftschlösser, die ich gleich aus den Löchern im Käse bauen werde.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Alltag“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s