Archiv der Kategorie: Das sinnvolle Leben

Alltag

7.30 Uhr. Die Musik meines Weckers reißt mich aus der Traumwelt. Kaum, dass ich die Augen einigermaßen geöffnet habe und mein Gehirn seine Arbeit langsam aufnimmt, sehe ich ihn schon am Bettrand stehen. Meinen Alltag. In einem dunkelblauen, etwas zu kleinen Anzug steht er da, frisch gestriegelt und voller Erwartung, wie ein Schulkind vor dem ersten Schultag. „Guten Morgen“, sagt er motiviert. Wie jeden Morgen. Mit seinem Klemmbrett in der Hand wippt er ein wenig ungeduldig auf den Fersen auf und ab und wartet, bis ich mich aus dem Bett gepellt habe. Ich weiß genau, was jetzt kommt. Er hat schon alles vorbereitet. Darum nimmt er mich an die Hand und ich folge ihm schlurfend ins Badezimmer. Jeden Tag hat er ein Programm für mich, jeden Tag die Abläufe genau durchgeplant. Er macht das sehr liebevoll. Nur, es ist jeden Tag dasselbe Programm. Die Abläufe sind jeden Tag identisch. Anziehen, frühstücken, zur Arbeit fahren, arbeiten, nach Hause fahren, essen, Haushalt, duschen, schlafen. In dieser Hinsicht hat mein Alltag etwas Zwanghaftes, ja fast Autistisches. Es muss alles genau so gemacht werden wie am Tag davor. Schon bei kleinen Abweichungen wird er nervös und kommt aus dem Konzept. Irgendwie tut er mir leid, wie er so gefangen ist, und ich möchte ihn zwicken, herausholen aus seiner Mühle, ihn fordern. Aber wie?

Sobald ich kurz innehalte um zu überlegen, wie ich ihn überraschen könnte, hat er mich schon wieder am Arm gepackt und sanft zum nächsten Programmpunkt geschoben. „Es muss ja doch gemacht werden“, sagt er dann schulterzuckend. „Aber können wir denn nicht mal was anders machen?“, frage ich, „Muss es immer so sein wie am Tag davor?“ „Manchmal ist das Wetter anders“, gibt mein Alltag zurück, als ob diese Tatsache Veränderung genug sei. Ich bleibe hartnäckig: „Mein Gehirn wird doch gar nicht mehr richtig gefordert, wenn es nur Dinge tut, die es schon hundertmal getan hat, immer in derselben Abfolge.“ „Naja, warum bitte solltest du dich auch VOR dem Duschen abtrocknen wollen? Das macht ja gar keinen Sinn. Oder auf dem Fahrrad Zähneputzen, das ist glaube ich nicht erlaubt.“ Ich verdrehe die Augen, weil mein Alltag so verstockt ist. „Sei froh, dass du mich hast,“ sagt er dann, „ich gebe deinem Tag Struktur.“ „Besten Dank“, erwidere ich, „aber ich bevorzuge das kreative Chaos.“ „Weißt du, wieviel Energie es kosten würde, jeden Tag neu zu überlegen, was alles ansteht und in welcher Reihenfolge es am sinnvollsten zu erledigen ist?“ „So schlimm kann das nicht sein“, gebe ich zurück, „kein Abenteurer weiß vorher was der Tag für ihn bereithält. Kein Abenteurer erlebt zweimal denselben Tag.“ „Das vielleicht nicht, aber auch Abenteurer müssen sich die Zähne putzen.“ Alltage sind so realistisch.

Manchmal möchte ich mich auf den Boden setzen wie ein stures Kind, das keine Lust hat, den stumpfsinnigen Aufforderungen der Eltern nachzukommen. Dann träume ich von einem Leben im anarchischen Reich der Alltagslosen, wo die lästigen Routinen von kleinen Alltags-Gnomen, sogenannten Routiniers, übernommen werden und man selbst endlos Zeit hat, Luftschlösser zu bauen, Schmetterlingen hinterherzujagen oder Purzelbäume zu schlagen. Paradiesisch. Aber sogleich steht mein Alltag neben mir und ermahnt mich zu mehr Disziplin.

Es scheint, als müsse ich mich mit ihm arrangieren. Vielleicht ist ja gerade er das Abenteuer. Abenteuer Alltag, so sagt man doch. Vielleicht muss ich nicht ihn ändern, sondern meine Einstellung zu ihm. Er ist ja schließlich nur für die Abläufe zuständig, die Inhalte darf ich immer noch selbst gestalten. Vielleicht muss ich also dem sturen Kind in mir einfach ein wenig mehr Spaß bieten, damit es den Aufforderungen nachkommt. Ein Tänzchen beim Zähneputzen. Beim Kochen Podcasts hören. Vielleicht muss ich einfach versuchen, die betonierten Pfade meines Alltags etwas zu begrünen, ein paar bunte Blumenkästen hier und da aufstellen. Auf dem Heimweg spontan vom Fahrrad in den Fluss springen. Oder einfach direkt zum Kino weiterfahren.
Wenn ich also in seine Abläufe gelegentlich kleine Prisen Freude, Spontanität und ein Quäntchen Verrücktheit streue, dann bewahrt mich das vor dem gefürchteten Abstumpfen, ohne dass ich seinen Job gefährde.

Zeit zum Abendessen“, ruft mein Alltag und tippt dabei mit dem Stift bedeutungsvoll auf sein Klemmbrett. „Na gut“, sage ich und lasse mich diesmal bereitwillig von ihm an die Hand nehmen. Schließlich warten auf mich ein paar Luftschlösser, die ich gleich aus den Löchern im Käse bauen werde.

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How to be durchschnittlich

Podcast #278
Wie Ihr mehr Durchschnittlichkeit in Euer Leben bringt

Hallo Ihr Lieben da draußen,
es ist echt total schön, dass Ihr wieder dabei seid! Auch heute möchte ich meinen belanglosen Senf zu einem bedeutungslosen Thema abgeben. Ich möchte eine wunderschöne Erfahrung mit Euch teilen, die mein Leben grundlegend verändert hat. Ich möchte Euch heute zeigen, wie man ein Leben wirklich und wahrhaftig in Durchschnittlichkeit führen kann. Es ist möglich!

Dafür möchte ich Dir ein Tool an die Hand geben, welches auch Dein Leben transformieren wird. Mit diesem Tool wirst Du es schaffen, aus der spirituellen Tiefe herauszukommen und Dich zurück auf eine banale Ebene zu führen. Auf dieser Ebene der vollkommenen Durchschnittlichkeit wirst Du weder kraftvolle Visionen noch Träume haben. Befreit von Inspiration und Kreativität wirst Du Dein Potenzial nicht ansatzweise ausschöpfen und dadurch das Leben leben, welches für Dich vorgesehen ist: ein Leben in Durchschnittlichkeit.

Auch ich bin diesen Weg gegangen, habe mich von Individualität und Perfektionismus losgesagt, um zu sein, wie Millionen anderer Menschen: durchschnittlich, nichts besonderes, nahezu spießig langweilig. Dieser Weg ist nicht einfach, aber er lohnt sich.
Deshalb habe ich hier 5 leicht umsetzbare Tools zusammengestellt, die Dir dabei helfen sollen, das Durchschnittlichsein auch in Deinem Leben zu implementieren:

#1 Träume nur nachts!
Lebe nicht Deinen Traum, sondern Dein Leben. Träumen kannst Du, wenn Du schläfst, tagsüber gilt es, sich um wirklich wichtige Dinge zu kümmern: den Abwasch, die Wäsche, den Einkauf. Als durchschnittlicher Mensch lebst du nicht im Wolkenkuckucksheim sondern in der Realität. Befrei Dich von der Last Deiner unerreichbaren, kraftzehrenden Visionen und tauche ein in die Vielfalt von banalen, wahrhaftigen Erfahrungen, die der schnöde Alltag für Dich bereit hält.

#2 Sei ineffizient!
Disziplin ist der Feind der Versuchung. Statt stur Deinen Zielen hinterherzulaufen, lass Dich lieber von der Versuchung an wunderbare Orte führen. Darum: Sei ineffizient, mach, was auch immer Dir gerade in die Finger fällt. Bleib bei youtube hängen. Döse. Lass Dich ablenken. Wenn Du Dich von Deiner Umwelt zu den nächsten Schritten inspirieren lässt, kommst Du an Ziele, die Du mit Disziplin nie erreicht hättest.

#3 Sei zufrieden!
Wer ständig Ansprüche an das Leben stellt, muss immer für deren Erfüllung kämpfen. Durchschnittliche Menschen sparen sich diese Energie, indem sie annehmen, was kommt. Betrachte Zufriedensein als das neue Streben. Es ist deutlich weniger anstrengend als ständiges Streben nach etwas Besserem. Trau Dich, auch mal nicht besonders gut zu sein und Du wirst die tiefgreifende Erfahrung machen: Mittelmaß reicht zum Überleben.

#4 Sei sinnlos!
In der Dunkelheit der spirituellen Tiefen ist es schwierig, einen Sinn zu finden. Finde Erleuchtung auf einer realen Ebene, indem Du das Leben als das annimmst, was es ist: sinnlos. Deine Welt wird um so vieles einfacher, wenn Du einsiehst, dass Dein Tun keinen tieferen Zweck erfüllen muss. Warte nicht auf Inspiration. Durchschnittsmenschen sind zu nichts Höherem geboren, als zum Sein.

#5 Bleib unbeachtet!
Sei ehrlich zu Dir selbst: niemanden interessiert, was Du tust. Befrei Dich von der Illusion, etwas Besonderes sein zu müssen und Dir wird eine Last genommen. Schwimm mit dem Strom, rage nicht heraus, sei wie alle anderen. Spar Dir die Mühe der Individualisten, die mit allen Mitteln versuchen, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Durchschnittsmenschen brauchen keine Likes, sie haben Freunde.

Also, ich kann Dich nur motivieren, diesen Weg zur Durchschnittlichkeit zu gehen! Werde ein Otto Normalverbraucher, sei Hinz oder Kunz, oute Dich als Max Mustermann oder Lieschen Müller! Entdecke diese neue Art des Daseins!

Seit ich durchschnittlich bin, ist mein Leben voll von ganz tollen Erlebnissen, die mich überhaupt nicht weiterbringen, z.B. stelle ich mich immer an der falschen Kasse an, und ich kann nur sagen, das ist eine wunderbare Erfahrung, denn es bringt mich zurück zu den Wurzeln, zu den Basics, die das echte Leben ausmachen.

Jetzt ist es an Dir, Dich in Durchschnittlichkeit zu üben. Dafür musst Du weder produktiv noch achtsam, weder diszipliniert noch kreativ sein. Sei einfach talentfrei, mittelmäßig, uninspiriert, dann bist Du auf dem richtigen Weg! Und wirst vielleicht auch bald Teil unserer Durchschnitts-Community. Für mehr Infos klicke einfach auf den Link zur Ordinary-University, dort findest Du vertiefende Kurse zum Thema Durchschnittlichsein in verschiedenen Lebensbereichen, z.B. „Verreisen wie Jedermann“, „Mittelmäßig im Job“ oder „Gewöhnliche Beziehungen“.

So Ihr Lieben, das wars von mir. Ich fand’s total schön, dass Ihr diese einzigartige Erfahrung mit mir geteilt habt. Bitte gebt mir keine Bewertung, spart Euch die Kommentare, nutzt die Zeit zum Popeln und an die Decke starren. In diesem Sinne: Just be ordinary.

Hier habe ich noch einige durchschnittliche Erfahrungen aus der Community zusammengestellt:

  • Ich lieg in Jogginghosen auf der Couch und mache kein Foto davon.

  • Ich geh einem 9-5 Job nach, krasses Gefühl diese Sicherheit und Routine. Kann es nur empfehlen!

  • Ich esse mein Müsli ohne Gojibeeren, Chiasamen und Amaranth. Oder ich esse ein Nutellabrot. Das ist Superfood genug.

  • Ich habe meinen Traumkörper gefunden. Auf der Website des Fitnessstudios.

  • Meine Morgenroutine: die Snooze-Funktion meines Weckers betätigen. Immer und immer wieder.

  • Ich habe hunderte von Followern. Morgens auf dem Weg in die U-Bahn.

Hilfe, ich bin glücklich

Liebes Dr. Winter-Team,
ich bin einfach glücklich mit meinem Leben. Was stimmt mit mir nicht? Bitte helft mir, ich glaube, ich bin nicht normal.        F. aus M.

Liebe F.,
es ist tatsächlich etwas ungewöhnlich, dass jemand „einfach glücklich“ ist, aber es gibt noch keinen Grund zur Sorge. Jeder Mensch hat gelegentlich Anzeichen einer positiven Verstimmung, die mit einer optimistischen Sichtweise auf die Welt, einem erhöhten Selbstwertgefühl sowie einer inneren Zufriedenheit einhergehen. Solange diese Symptome nicht von Dauer sind, ist die Verstimmung nicht schwerwiegend.

Du solltest zuerst einmal herausfinden, welche Gründe hinter deinem frohen Gemüt stecken könnten. Hast du etwa eine funktionierende Beziehung oder bist zufrieden mit deinem Job? Erst wenn du weißt, was die Quelle deines Glücks ist, kannst du daran arbeiten, es im Zaum zu halten. Viele dieser Ursachen entpuppen sich nämlich bei genauerer Betrachtung als gar nicht so rosig. Es findet sich immer Potential für Unzufriedenheit.

Versuche daher, in besonders glücklichen Situationen öfter auch das Negative und die Schattenseiten zu sehen. Hier hilft z.B. das Dramatisieren von Nichtigkeiten, ein Streit oder eine Portion Neid. Das schüttet genügend Stresshormone aus, um wieder schlecht gelaunt zu sein und die Aufwärtsspirale zu unterbrechen.

Glückliche Menschen können mit ihrer permanent guten Laune nämlich schnell in die Isolation geraten, da andere oft nicht wissen, wie sie mit Zufriedenen umgehen sollen. Viele wollen sich einfach nicht von der positiven Stimmung heraufziehen lassen und meiden frohe Mitmenschen. Gerade im negativ geprägten Alltag fühlen sich glückliche Menschen dann oft unverstanden und hilflos.

Sollte dein Zustand länger als 2 Wochen andauern, such bitte einen Psychotherapeuten auf. Der kann dir mit Gesprächen und im Ernstfall auch mit stimmungssenkenden Mitteln helfen, deine Glücksgefühle in den Griff zu bekommen, bevor sie chronisch werden. Aber sei unbesorgt, du hast dein Problem frühzeitig erkannt und damit schon den ersten Schritt zur Besserung getan. Vergiss nicht: Think negative!

Dein Dr. Winter-Team

#bumsfidel #keinechancedemmiesepeter

Die Wellen des Lebens

„Ich habe einen Surfkurs gebucht und warte gerade auf meinen Surflehrer, der mir erklären soll, wie man auf dem Meer des Lebens richtig wellenreitet. Denn das Leben ist ein Ozean. Wir können darin untergehen. Oder wir können auf den Wellen tanzen. Aber wir müssen uns hineinstürzen…“

Stürzt Euch hier hinein in meine neue Kolumne bei emotion.de

Die Jagd nach dem Glück

“Schau mal, wir sind zu einer Jagdgesellschaft auf einem edlen Landgut eingeladen“ überraschte ich mein Leben letzthin. Eine solche Gelegenheit darf man sich natürlich nicht entgehen lassen! Ich sah mich schon mit einer Trophäe aus unendlichem Glück zurückkehren. 

Ob unsere Jagd nach dem Glück erfolgreich war, lest Ihr hier in meiner neuen Kolumne bei emotion.de

CHANGE YOUR LIFE!

Kennen Sie das:
Es ist eintönig, es ist langweilig, es ist nicht das, was Sie sich vorgestellt haben? Es nervt, es macht Sie fertig, es geht den Bach runter?

Es nennt sich Leben.

Und alle anderen scheinen ein besseres zu haben?!

Sie sind unzufrieden mit Ihrem Leben und wünschen sich schon lange ein anderes? Jetzt wird es möglich.

Change your life!
Die Agentur für Lebenswechsel

Wir haben eine riesige Auswahl an verschiedensten Leben. Weltweit. Ändern Sie Ihr Leben jetzt! Wechseln Sie in ein neues Leben!

Schnupperangebot:

Sie haben genug von Ihrem Alltagstrott? Sie wollen nicht schon wieder Shoppen gehen? Sie können den schlechten Service in Ihrem Stammrestaurant nicht mehr ertragen? Sie sind genervt von Ihrer zu engen 4-Zimmer Wohnung? Ihr Leben scheint belanglos und sie wünschen sich einfach mehr Aufregung?

Dann hätten wir hier gerade folgendes Leben im Angebot:

Befreien Sie sich von allem Besitz, reisen Sie in unbekannte Länder, entdecken Sie fremde Kulturen, verbringen Sie viel Zeit draußen in freier Natur, lernen Sie neue Leute kennen, dazu gibt es viel Freizeit, Schonkost und die aufregende Spannung, nicht zu wissen, was einen erwartet!

Unser Modell „Flüchtling“ bietet Ihnen all das!
Die Chancen für einen schnellen Lebenswechsel stehen hier besonders gut, da wir momentan viele Anfragen von Menschen haben, die gerne mit Ihnen tauschen würden.

Worauf warten Sie noch?
Schon morgen kann Ihr neues aufregendes Leben
beginnen!
Wir freuen uns auf Ihren Anruf!

Sinnsuche IV

Das Leben bietet so viele Möglichkeiten. Du musst nur zugreifen.
Genau das ist mein Problem. Es sind zu viele Möglichkeiten. Ich stehe vor dem riesigen Regal des Lebens, überwältigt vom Angebot und habe schon längst den Überblick verloren.
Wo war nochmal die Packung mit dem aufregenden Leben? – Ah da. Aber waren da nicht finanzielle Einbußen mit drin?
Das konventionelle Leben? – Hier, direkt vor mir. Aber das hat so eine langweilige Verpackung. Und außerdem haben das schon so viele.
Oh, da oben sind die Traumjobs, aber welchen genau soll ich da nehmen, sie versprechen doch alle das große Glück.
Es ist zum Verzweifeln. Die Auswahl ist zu groß.
Das ist wie mit den Zahnbürsten. Früher, also mein früher, also zu DDR Zeiten, da gab es im Handel, also in der Kaufhalle, ganze 3 verschiedene Sorten Zahnbürsten. Wobei der einzige Unterschied bei diesen Zahnbürsten wohl lediglich in der Farbe bestand. Ich musste mich also nur zwischen 3 Farben entscheiden. Heute muss ich in stundenlanger Prüfarbeit gefühlt 2 Millionen verschiedenen Zahnbürsten anschauen, von der jede einzelne einen anderen USP verspricht: Rundbürste, Schwingkopf, Überschall, lange Borsten, kurzer Kopf, usw. Irgendwo in den unendlichen Weiten des Zahnbürstenregals soll ich dann die Zahnbürste finden, die für mich, für meine Bedürfnisse optimal ausgestattet ist.
Genauso stehe ich jetzt vor dem Regal des Lebens, um aus den Millionen Möglichkeiten das Leben zu finden, welches optimal zu mir passt.
Doch genauso, wie jede Zahnbürste trotz ihrer wahnsinnigen Ausstattung nur einen simplen Zweck erfüllt, nämlich die Zähne einigermaßen gut zu reinigen, soll das Leben, das ich wähle, auch nur einen simplen Sinn haben: mich einigermaßen glücklich zu machen. Und ich stehe vor dem Regal und frage mich, brauche ich Schwingkopf, Rotationen oder farbige Borsten in meinem Leben? Wie viele Special Features muss mein Leben haben, damit es ein gutes Leben ist?
Zuviel Auswahl verstärkt das Gefühl, immer irgendetwas zu verpassen. Also muss ich pragmatisch vorgehen und beim Zugreifen ausblenden, dass ich mich gerade gegen tausende von anderen Lebens-Möglichkeiten entscheide. Es reicht doch erstmal, dass mein Leben einfach eine schöne Farbe hat.

Sinnsuche III

Wäre mein Leben die Linie eines EKG-Geräts, wäre ich schon tot. Keine erkennbaren Ausschläge, weder nach oben, noch nach unten. Meine Emotionskurve ist ein einziger Emo-Strich, der sich durch meine Gefühlslandschaft zieht wie eine texanische Sandstraße durch endlose Ödnis. Kein „Himmelhochjauchenz“ und kein „Zutodebetrübt“ verirrt sich mehr in mein Leben. Es hat sich wohl schon rumgesprochen, dass hier nix mehr los ist. Früher war das anders. Da ging’s ab. Und auf. Neue Jobs, neue Wohnorte, neue Männer. Jeden Tag stand eine Herausforderung in der Tür, und entweder man bewältigte sie (Auf) oder eben nicht (Ab). Seit ich jedoch 30 bin, scheint mich das Leben nicht mehr herauszufordern. Stattdessen serviert es mir einen langweiligen Alltag aus „Zur Arbeit fahren – Arbeiten – nach Hause fahren – Feierabend gestalten – Schlafen“. Nur ruft diese Monotonie einfach keine starken Emotionen in mir hervor. Ich spüre nichts. Woher auch: Kein Partner, der mich in Wallungen versetzt, keine Kinder, die mich zur Verzweiflung bringen, nicht mal mobbende Kollegen. Emotionale Ebbe. Also hole ich mir brauchbare Gefühlsmomente aus der Konserve: aus Filmen und Büchern, vorwiegend romantischen. Da gibt es wenigstens häppchenweise Herzschmerz und Glück. Und manchmal, wenn sich das Leben allzu dürr anfühlt, gönne ich mir auch eine Prise Depression. Hausgemacht. Ein bisschen Schluchzen, ein bisschen Selbstmitleid, ein bisschen Drama. Nur um mich zu vergewissern, dass ich noch zu Gefühlen fähig bin. Ganz ehrlich, ich beneide manchmal streitende Pärchen. Denn da ist was los in der Gefühlspfanne, da brodelt’s und kocht’s wenigstens mal. Ich dagegen stehe wie eine lauwarme Nudelsuppe abseits vom Emotionsherd und kühle immer weiter runter.

In solch allzu schalen Momenten klopft mir gelegentlich die Vernunft auf die Schulter und hält altkluge Vorträge darüber, dass ich mich doch nicht beklagen könne, dass es mir doch gut gehe, dass ich doch froh sein soll über so ein entspanntes Leben. Naja, sage ich dann, lebe ich denn überhaupt? Lebendig fühlt sich anders an. Ich vegetiere emotional dahin. Gefühlssiechtum. Braucht die Seele nicht die Auf’s und Ab’s wie die Meere die Gezeiten? Stehende Gewässer fangen irgendwann an zu muffeln und kippen um. Das will ich ja auch nicht. Muffeln. Da muss man also mal ein bisschen frische Luft unterrühren. Natürlich könnte ich mich kontemplativ über mein Dasein freuen. Einfach so glücklich sein. Vor mich hin lächeln oder gar erquickend lachen. Aber mal ehrlich, da komme ich mir immer so esoterisch verstrahlt vor. Alleine depressiv geht irgendwie leichter als alleine fröhlich.

Emotionaler Ausschlag wird eben nur durch andere Menschen hervorgerufen (gut, in Einzelfällen auch durch nichtfunktionierende Technik). Was ist also zu tun? Tja, ich könnte mir einen Partner anschaffen, oder Kinder, oder beides. Einen Job mit miesen Vorgesetzten und fiesen Kollegen suchen. Alte Wunden in der Familie aufreißen. Irgendwie sowas.

Vielleicht versuche ich es aber auch einfach nur mit ein bisschen Freude. Freude über das Frühlingsgrün, Freude über ein unerwartetes Lächeln auf der Straße, Freude über ein im Grunde gelungenes Leben. Das sollte doch reichen, um auf meinem Gefühls-EKG wenigstens leichte Wellen zu verursachen. Wellen nach oben. Nach unten muss ja auch gar nicht sein.

Sinnsuche II

Die Suche nach dem Sinn im Leben ist in etwa so wie die Suche nach dem perfekten Urlaub. Schwer zu finden. Man sagt ja, das Leben sei eine Reise. Aber wenn ich auf eine Reise gehe, weiß ich doch normalerweise das Ziel. Nur, was ist das Ziel des Lebens? Der Tod, ok. Und sonst? Ist da noch was? Irgendwas das mir sagt, dass es gut war, diese Reise unternommen zu haben?

Es kommt mir vor, als hätte ich einen wahnsinnig langen Urlaub vor mir, aus dem ich das Beste machen will, der sich lohnen soll. Und nun stehe ich vorm Reisebüro, starre auf die Angebote und habe das Gefühl, da ist nichts für mich dabei. Ich muss zugeben, nicht genau zu wissen, was ich eigentlich will für meinen Urlaub, macht die Sache nicht leichter. Also schaue ich, was andere so gebucht haben:

Da sind die, die sich für eine Kaffeefahrt durchs Leben entschieden haben. Mit ein paar Gleichgesinnten freuen sie sich über die günstig erstandene Heizdecke und schauen ansonsten aus dem Fenster, was da so nettes vorbeizieht. Vielleicht machen sie aber auch ein Nickerchen. Ist ja anstrengend genug, so ein Ausflug. Beneidenswert, diese Genügsamkeit.

Oder die Pauschalurlauber. All inclusive. Da weißt du was du hast. Abgeschottet in der Anlage, frühzeitig das Handtuch auf die Liege am Pool legen, am Buffet den Bauch vollschlagen und abends vom Animationsprogramm unterhalten werden. So ein Urlaub bietet größtmögliche Sicherheit. Keine bösen Überraschungen, ab dem 2. Tag bekannte Gesichter und der Barkeeper kennt deinen Lieblingscocktail. So ein Leben als Pauschalreise, bei dem man 30 Jahre in derselben Firma arbeitet, bei Aldi den Wocheneinkauf macht und abends beim Zappen durchs Fernsehprogramm gemütlich auf der Couch einschläft, bietet mir allerdings zu wenig Abwechslung. Ich kriege Hummeln im Hintern, wenn ich zu lange dasselbe sehe oder tue. Also weiter.

Vielleicht der Abenteuerurlaub? Ständig auf Achse, auf der Suche nach dem Unbekannten und nie wissen, was hinter dem nächsten Busch auf einen wartet. Klingt aufregend. Aber auch gefährlich. Zuviel Risiko und Ungewissheit ist nun auch wieder nicht mein Ding.

Eigentlich ist alles, was ich für meinen Urlaub will: etwas erleben. Erinnerungen sammeln. Staunen. Lachen. Weinen. Um hinterher auf einen bunten Korb voller Eindrücke blicken zu können.Ich will am Ende der Reise ganz viele Momente in meiner Erinnerung haben, zu denen ich sagen kann: das war schön! Das war aufregend! Das war inspirierend! Beängstigend! Lustig! Erfüllend! Traurig! Bewegend! Ich will Momente, in denen ich lebendig war. Dann ist es ja eigentlich auch egal, wo genau ich war. Dann wäre der Weg das Ziel. Und am Ende ginge es nicht darum, etwas erreicht, sondern etwas erlebt zu haben. Und diese Art des Reisens hätte auch einen entscheidenden Vorteil: man muss das Leben nicht ständig fragen: Wann sind wir da?