Archiv der Kategorie: Das sinnvolle Leben

Sinnsuche III

Wäre mein Leben die Linie eines EKG-Geräts, wäre ich schon tot. Keine erkennbaren Ausschläge, weder nach oben, noch nach unten. Meine Emotionskurve ist ein einziger Emo-Strich, der sich durch meine Gefühlslandschaft zieht wie eine texanische Sandstraße durch endlose Ödnis. Kein „Himmelhochjauchenz“ und kein „Zutodebetrübt“ verirrt sich mehr in mein Leben. Es hat sich wohl schon rumgesprochen, dass hier nix mehr los ist. Früher war das anders. Da ging’s ab. Und auf. Neue Jobs, neue Wohnorte, neue Männer. Jeden Tag stand eine Herausforderung in der Tür, und entweder man bewältigte sie (Auf) oder eben nicht (Ab). Seit ich jedoch 30 bin, scheint mich das Leben nicht mehr herauszufordern. Stattdessen serviert es mir einen langweiligen Alltag aus „Zur Arbeit fahren – Arbeiten – nach Hause fahren – Feierabend gestalten – Schlafen“. Nur ruft diese Monotonie einfach keine starken Emotionen in mir hervor. Ich spüre nichts. Woher auch: Kein Partner, der mich in Wallungen versetzt, keine Kinder, die mich zur Verzweiflung bringen, nicht mal mobbende Kollegen. Emotionale Ebbe. Also hole ich mir brauchbare Gefühlsmomente aus der Konserve: aus Filmen und Büchern, vorwiegend romantischen. Da gibt es wenigstens häppchenweise Herzschmerz und Glück. Und manchmal, wenn sich das Leben allzu dürr anfühlt, gönne ich mir auch eine Prise Depression. Hausgemacht. Ein bisschen Schluchzen, ein bisschen Selbstmitleid, ein bisschen Drama. Nur um mich zu vergewissern, dass ich noch zu Gefühlen fähig bin. Ganz ehrlich, ich beneide manchmal streitende Pärchen. Denn da ist was los in der Gefühlspfanne, da brodelt’s und kocht’s wenigstens mal. Ich dagegen stehe wie eine lauwarme Nudelsuppe abseits vom Emotionsherd und kühle immer weiter runter.

In solch allzu schalen Momenten klopft mir gelegentlich die Vernunft auf die Schulter und hält altkluge Vorträge darüber, dass ich mich doch nicht beklagen könne, dass es mir doch gut gehe, dass ich doch froh sein soll über so ein entspanntes Leben. Naja, sage ich dann, lebe ich denn überhaupt? Lebendig fühlt sich anders an. Ich vegetiere emotional dahin. Gefühlssiechtum. Braucht die Seele nicht die Auf’s und Ab’s wie die Meere die Gezeiten? Stehende Gewässer fangen irgendwann an zu muffeln und kippen um. Das will ich ja auch nicht. Muffeln. Da muss man also mal ein bisschen frische Luft unterrühren. Natürlich könnte ich mich kontemplativ über mein Dasein freuen. Einfach so glücklich sein. Vor mich hin lächeln oder gar erquickend lachen. Aber mal ehrlich, da komme ich mir immer so esoterisch verstrahlt vor. Alleine depressiv geht irgendwie leichter als alleine fröhlich.

Emotionaler Ausschlag wird eben nur durch andere Menschen hervorgerufen (gut, in Einzelfällen auch durch nichtfunktionierende Technik). Was ist also zu tun? Tja, ich könnte mir einen Partner anschaffen, oder Kinder, oder beides. Einen Job mit miesen Vorgesetzten und fiesen Kollegen suchen. Alte Wunden in der Familie aufreißen. Irgendwie sowas.

Vielleicht versuche ich es aber auch einfach nur mit ein bisschen Freude. Freude über das Frühlingsgrün, Freude über ein unerwartetes Lächeln auf der Straße, Freude über ein im Grunde gelungenes Leben. Das sollte doch reichen, um auf meinem Gefühls-EKG wenigstens leichte Wellen zu verursachen. Wellen nach oben. Nach unten muss ja auch gar nicht sein.

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Sinnsuche II

Die Suche nach dem Sinn im Leben ist in etwa so wie die Suche nach dem perfekten Urlaub. Schwer zu finden. Man sagt ja, das Leben sei eine Reise. Aber wenn ich auf eine Reise gehe, weiß ich doch normalerweise das Ziel. Nur, was ist das Ziel des Lebens? Der Tod, ok. Und sonst? Ist da noch was? Irgendwas das mir sagt, dass es gut war, diese Reise unternommen zu haben?

Es kommt mir vor, als hätte ich einen wahnsinnig langen Urlaub vor mir, aus dem ich das Beste machen will, der sich lohnen soll. Und nun stehe ich vorm Reisebüro, starre auf die Angebote und habe das Gefühl, da ist nichts für mich dabei. Ich muss zugeben, nicht genau zu wissen, was ich eigentlich will für meinen Urlaub, macht die Sache nicht leichter. Also schaue ich, was andere so gebucht haben:

Da sind die, die sich für eine Kaffeefahrt durchs Leben entschieden haben. Mit ein paar Gleichgesinnten freuen sie sich über die günstig erstandene Heizdecke und schauen ansonsten aus dem Fenster, was da so nettes vorbeizieht. Vielleicht machen sie aber auch ein Nickerchen. Ist ja anstrengend genug, so ein Ausflug. Beneidenswert, diese Genügsamkeit.

Oder die Pauschalurlauber. All inclusive. Da weißt du was du hast. Abgeschottet in der Anlage, frühzeitig das Handtuch auf die Liege am Pool legen, am Buffet den Bauch vollschlagen und abends vom Animationsprogramm unterhalten werden. So ein Urlaub bietet größtmögliche Sicherheit. Keine bösen Überraschungen, ab dem 2. Tag bekannte Gesichter und der Barkeeper kennt deinen Lieblingscocktail. So ein Leben als Pauschalreise, bei dem man 30 Jahre in derselben Firma arbeitet, bei Aldi den Wocheneinkauf macht und abends beim Zappen durchs Fernsehprogramm gemütlich auf der Couch einschläft, bietet mir allerdings zu wenig Abwechslung. Ich kriege Hummeln im Hintern, wenn ich zu lange dasselbe sehe oder tue. Also weiter.

Vielleicht der Abenteuerurlaub? Ständig auf Achse, auf der Suche nach dem Unbekannten und nie wissen, was hinter dem nächsten Busch auf einen wartet. Klingt aufregend. Aber auch gefährlich. Zuviel Risiko und Ungewissheit ist nun auch wieder nicht mein Ding.

Eigentlich ist alles, was ich für meinen Urlaub will: etwas erleben. Erinnerungen sammeln. Staunen. Lachen. Weinen. Um hinterher auf einen bunten Korb voller Eindrücke blicken zu können.Ich will am Ende der Reise ganz viele Momente in meiner Erinnerung haben, zu denen ich sagen kann: das war schön! Das war aufregend! Das war inspirierend! Beängstigend! Lustig! Erfüllend! Traurig! Bewegend! Ich will Momente, in denen ich lebendig war. Dann ist es ja eigentlich auch egal, wo genau ich war. Dann wäre der Weg das Ziel. Und am Ende ginge es nicht darum, etwas erreicht, sondern etwas erlebt zu haben. Und diese Art des Reisens hätte auch einen entscheidenden Vorteil: man muss das Leben nicht ständig fragen: Wann sind wir da?

 

Der große Unbekannte

Der Sinn des Lebens ist ein großer Unbekannter. Hat ihn schon mal jemand gesehen? Mit ihm geredet? Ist schon mal jemand mit ihm an einer Straßenecke versehentlich zusammengestoßen? Soweit ich weiß: Nein. Mir ist jedenfalls niemand bekannt, der den Sinn des Lebens in seinem Bekanntenkreis hat. Da kommt doch unweigerlich die Frage auf: Gibt es ihn überhaupt? Oder ist er vielleicht ein Phantom, ein Fantasiegebilde, gar eine Verschwörung? In etwa so wie Bielefeld, das gibt es ja anscheinend auch nicht.

Wie auch immer. Klar ist jedenfalls, dass es ein ziemlich interessanter Kerl sein muss, denn alle suchen nach ihm. Es scheint ziemlich hip zu sein, sich mit dem Sinn des Lebens abzugeben, nur so wirklich gefunden hat ihn noch niemand. Aber wo soll man auch suchen?

Im Fundbüro? Bei der Bahnhofsmission? Könnte ja sein, dass er den Weg zu mir nicht gefunden hat und im Großstadtdschungel verlorengegangen ist. Denn weil er eben der große Unbekannte ist, wissen wir ja auch nicht, wo er wohnt. Können ihn also nicht aufsuchen. Also erwarten wir, dass er zu uns kommt. Ich stelle mir immer vor, dass es irgendwann mal an der Tür klingelt, ich öffne und ein Herr im grauen Mantel steht im Flur und sagt „Guten Tag, ich bin der Sinn des Lebens“. „Ach wie schön“ sage ich, „ich habe Sie schon erwartet. Oder darf ich Du sagen?“ Ich bitte ihn herein, biete ihm etwas Gebäck an und während wir Kaffee aus weißen Porzellantassen schlürfen, reden wir über ihn. Er erzählt mir von den ganzen Wie’s und Warum’s und Weshalb’s und ich sage Ah und Aha und Achso, weil mir plötzlich so viel klar wird. Das geht so bis tief in die Nacht. Dann muss er los. Kurz bevor er geht, lässt er mir noch einen Projektplan da, in dem meine To do’s der nächsten Jahre feinsäuberlich aufgeschlüsselt sind, sowie seine Visitenkarte mit dem Hinweis, ich könne ihn jederzeit anrufen, wenn es noch Fragen gibt.

Vielleicht ist er ja tatsächlich ein Vertreter. Er ist nur leider der einzige seiner Branche und hat dementsprechend viel zu tun. Das würde erklären, warum manche Leute, also die, die man vom Hörensagen kennt, warum die angeblich den Sinn des Lebens schon gefunden haben. Die wohnen vielleicht in einem Postleitzahlengebiet, welches auf seiner Dienstreiseliste weit oben steht. Meine Postleitzahl beginnt mit einer 8. Das kann also noch dauern, bis er bei mir klingelt.

Vielleicht ist er aber auch ein Eremit, der einfach nicht gerne unter Leute geht. Der sich nicht so gerne zeigt und lieber gemütlich in seiner Höhle sitzt. Da jedoch eine alte Regel besagt: Wer sich rar macht, wird für seine Umwelt nur noch interessanter, fingen Coaches, Lebensberater und spirituelle Weisen an, sich eigene Vorstellungen über diesen Eremiten zu machen. Sie sammeln ihre Ideen in Büchern, beschreiben ihn in allen Facetten, von allen Seiten, in allen Farben. Sie scheinen ihn einzukreisen und zu rufen: Sinn komm raus, du bist umzingelt! Aber der große Unbekannte bleibt unsichtbar und lacht sich ins Fäustchen, weil er bei amazon alle 17274 Bücher gelesen hat, die es über ihn gibt.

Wer auch immer er ist, dieser große Unbekannte, ich hoffe weiter auf ein Blind Date mit ihm. Ich habe jedenfalls immer etwas Gebäck im Haus, falls er mal klingelt.

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