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Morgens

Morgens früh um sechs Uhr zwanzig
Bin ich gewöhnlich noch recht ranzig.
Der Wecker stört im Schlafe mich
Doch stört dieses den Wecker nicht.
Er schreit mir gnadenlos ins Ohr:
„Komm unter deiner Decke vor!
Der Tag ist da, vorbei die Nacht,
hopp hoch mit Dir und aufgewacht!“

Ich öffne zaghaft meine Lider
die schließen sich jedoch gleich wieder.
Der Fuß wagt einen Blick nach draußen,
doch packt ihn da das nackte Grausen.
Aufgrund der Morgenluft der kalten,
rät er mir mich bedeckt zu halten.
Na gut, denk ich, und dreh mich noch mal um.
Und wünsche mir mein Wecker wäre stumm.

„Holladrio, ein schöner Morgen,
wohlan, es gibt viel zu besorgen!“
Ermahnend sagt er mir die Zeit,
ich bin jedoch noch nicht so weit.
An Motivation muss es mir fehlen,
sonst würde ich mich nicht so quälen.
Das Hirn schickt keinerlei Signale,
es herrscht noch Nacht in der Zentrale.

Nur die Vernunft, ganz in der Tiefe,
weiß, was geschäh’ wenn ich verschliefe.
Mit zarten Worten der Erweckung
holt sie mich aus der warmen Deckung.
Ihr Stimmchen spricht bedacht und weise:
„Beende langsam die Traumreise.
Vergiss nicht: aufstehen musst du sowieso,
denn du musst nämlich mal aufs Klo.“

Sinnsuche II

Die Suche nach dem Sinn im Leben ist in etwa so wie die Suche nach dem perfekten Urlaub. Schwer zu finden. Man sagt ja, das Leben sei eine Reise. Aber wenn ich auf eine Reise gehe, weiß ich doch normalerweise das Ziel. Nur, was ist das Ziel des Lebens? Der Tod, ok. Und sonst? Ist da noch was? Irgendwas das mir sagt, dass es gut war, diese Reise unternommen zu haben?

Es kommt mir vor, als hätte ich einen wahnsinnig langen Urlaub vor mir, aus dem ich das Beste machen will, der sich lohnen soll. Und nun stehe ich vorm Reisebüro, starre auf die Angebote und habe das Gefühl, da ist nichts für mich dabei. Ich muss zugeben, nicht genau zu wissen, was ich eigentlich will für meinen Urlaub, macht die Sache nicht leichter. Also schaue ich, was andere so gebucht haben:

Da sind die, die sich für eine Kaffeefahrt durchs Leben entschieden haben. Mit ein paar Gleichgesinnten freuen sie sich über die günstig erstandene Heizdecke und schauen ansonsten aus dem Fenster, was da so nettes vorbeizieht. Vielleicht machen sie aber auch ein Nickerchen. Ist ja anstrengend genug, so ein Ausflug. Beneidenswert, diese Genügsamkeit.

Oder die Pauschalurlauber. All inclusive. Da weißt du was du hast. Abgeschottet in der Anlage, frühzeitig das Handtuch auf die Liege am Pool legen, am Buffet den Bauch vollschlagen und abends vom Animationsprogramm unterhalten werden. So ein Urlaub bietet größtmögliche Sicherheit. Keine bösen Überraschungen, ab dem 2. Tag bekannte Gesichter und der Barkeeper kennt deinen Lieblingscocktail. So ein Leben als Pauschalreise, bei dem man 30 Jahre in derselben Firma arbeitet, bei Aldi den Wocheneinkauf macht und abends beim Zappen durchs Fernsehprogramm gemütlich auf der Couch einschläft, bietet mir allerdings zu wenig Abwechslung. Ich kriege Hummeln im Hintern, wenn ich zu lange dasselbe sehe oder tue. Also weiter.

Vielleicht der Abenteuerurlaub? Ständig auf Achse, auf der Suche nach dem Unbekannten und nie wissen, was hinter dem nächsten Busch auf einen wartet. Klingt aufregend. Aber auch gefährlich. Zuviel Risiko und Ungewissheit ist nun auch wieder nicht mein Ding.

Eigentlich ist alles, was ich für meinen Urlaub will: etwas erleben. Erinnerungen sammeln. Staunen. Lachen. Weinen. Um hinterher auf einen bunten Korb voller Eindrücke blicken zu können.Ich will am Ende der Reise ganz viele Momente in meiner Erinnerung haben, zu denen ich sagen kann: das war schön! Das war aufregend! Das war inspirierend! Beängstigend! Lustig! Erfüllend! Traurig! Bewegend! Ich will Momente, in denen ich lebendig war. Dann ist es ja eigentlich auch egal, wo genau ich war. Dann wäre der Weg das Ziel. Und am Ende ginge es nicht darum, etwas erreicht, sondern etwas erlebt zu haben. Und diese Art des Reisens hätte auch einen entscheidenden Vorteil: man muss das Leben nicht ständig fragen: Wann sind wir da?

 

Nachruf auf den Bierdeckel

Warum, Bierdeckel, warum nur?

Fassungslos stehen wir vor der Nachricht von deinem Tod. Unerwartet traf dich die Diagnose: Insolvenz. Diese Krankheit der modernen Wirtschaft hat dich aus dem Leben gerissen. Ein Leben, welches einer einzigartigen Erfolgsgeschichte gleicht. Klein angefangen, klein geblieben, aber groß raus gekommen.

Als du vor gerade mal 100 Jahren das Licht der Welt erblicktest, warst du nicht mehr als ein Faserguss-Untersetzer. Doch in kürzester Zeit hast du die internationale Kneipenszene erobert und sie geprägt wie kein anderer. Du hast dich geschickt platziert, dich hochgearbeitet und damit bewiesen, dass du auch als Deckel taugst. Unvergessen, wie du der großen Bierkrug-Klappe aus Metall das Monopol abgelaufen hast. Dein Name zeugt noch heute von dieser Blütezeit: BierDECKEL.

Wie soll es weitergehen ohne dich?

Immer zuvorkommend, immer unterlegen, am Boden zu sein war dein Lebensinhalt. Du warst die Always Ultra eines jeden Bieres. Saugstark und formstabil.

Stillschweigend hast du selbst Maßkrüge ertragen. Doch auch für die Schwachen warst du da, für die Apfelschorlen und die Mineralwasser. Sie alle verdankten dir einen trockenen Fuß. Niemand konnte wie du Funktionalität und Entertainment auf so charmante Weise verknüpfen. Du hast dich in deiner Form immer wieder neu erfunden und bist dir doch treu geblieben. Wir liebten deine Rundungen genau wie deine Ecken und Kanten. Mit dir geht uns nicht nur ein begehrtes Sammlerobjekt verloren, sondern auch ein Notizzettel der besonderen Art. Wie viele Ideen wurden schon auf dir geboren? Wie viele Liebesbeziehungen nahmen mit dir ihren Anfang? All das soll nun vorbei sein?

Wer führt in Zukunft so ordentlich die Strichliste, wenn wir schon längst nicht mehr fähig sind zu zählen? Wer gibt unseren Händen eine Beschäftigung, wenn sie nervös nach Halt suchen? Vergib uns die Kartenhäuser und all die anderen Misshandlungen, denen du so oft zum Opfer gefallen bist. Wir hatten nie die Absicht, dich ernsthaft zu verletzen. Du warst unser Anhaltspunkt, unser Biervorleger, unser Pappkamerad.

Deine Abwesenheit reißt eine schwere Lücke in das Triumvirat aus Glas, Bier und Dir. Nichts wird mehr so sein wie früher, das Glas wird nicht mehr wissen, wo es gestanden hat, es wird ungefedert auf den nackten Tisch knallen, womöglich darauf ausrutschen, das verspritzte Bier wird sich nicht mehr in deinen schützenden Schoß zurückziehen können, es wird sich irgendwo auf dem Tisch zusammenpfützen und grausam der Verdunstung preisgegeben.

An feuchten, klebrigen Tischen lässt du uns zurück. Du wirst uns fehlen.

Der große Unbekannte

Der Sinn des Lebens ist ein großer Unbekannter. Hat ihn schon mal jemand gesehen? Mit ihm geredet? Ist schon mal jemand mit ihm an einer Straßenecke versehentlich zusammengestoßen? Soweit ich weiß: Nein. Mir ist jedenfalls niemand bekannt, der den Sinn des Lebens in seinem Bekanntenkreis hat. Da kommt doch unweigerlich die Frage auf: Gibt es ihn überhaupt? Oder ist er vielleicht ein Phantom, ein Fantasiegebilde, gar eine Verschwörung? In etwa so wie Bielefeld, das gibt es ja anscheinend auch nicht.

Wie auch immer. Klar ist jedenfalls, dass es ein ziemlich interessanter Kerl sein muss, denn alle suchen nach ihm. Es scheint ziemlich hip zu sein, sich mit dem Sinn des Lebens abzugeben, nur so wirklich gefunden hat ihn noch niemand. Aber wo soll man auch suchen?

Im Fundbüro? Bei der Bahnhofsmission? Könnte ja sein, dass er den Weg zu mir nicht gefunden hat und im Großstadtdschungel verlorengegangen ist. Denn weil er eben der große Unbekannte ist, wissen wir ja auch nicht, wo er wohnt. Können ihn also nicht aufsuchen. Also erwarten wir, dass er zu uns kommt. Ich stelle mir immer vor, dass es irgendwann mal an der Tür klingelt, ich öffne und ein Herr im grauen Mantel steht im Flur und sagt „Guten Tag, ich bin der Sinn des Lebens“. „Ach wie schön“ sage ich, „ich habe Sie schon erwartet. Oder darf ich Du sagen?“ Ich bitte ihn herein, biete ihm etwas Gebäck an und während wir Kaffee aus weißen Porzellantassen schlürfen, reden wir über ihn. Er erzählt mir von den ganzen Wie’s und Warum’s und Weshalb’s und ich sage Ah und Aha und Achso, weil mir plötzlich so viel klar wird. Das geht so bis tief in die Nacht. Dann muss er los. Kurz bevor er geht, lässt er mir noch einen Projektplan da, in dem meine To do’s der nächsten Jahre feinsäuberlich aufgeschlüsselt sind, sowie seine Visitenkarte mit dem Hinweis, ich könne ihn jederzeit anrufen, wenn es noch Fragen gibt.

Vielleicht ist er ja tatsächlich ein Vertreter. Er ist nur leider der einzige seiner Branche und hat dementsprechend viel zu tun. Das würde erklären, warum manche Leute, also die, die man vom Hörensagen kennt, warum die angeblich den Sinn des Lebens schon gefunden haben. Die wohnen vielleicht in einem Postleitzahlengebiet, welches auf seiner Dienstreiseliste weit oben steht. Meine Postleitzahl beginnt mit einer 8. Das kann also noch dauern, bis er bei mir klingelt.

Vielleicht ist er aber auch ein Eremit, der einfach nicht gerne unter Leute geht. Der sich nicht so gerne zeigt und lieber gemütlich in seiner Höhle sitzt. Da jedoch eine alte Regel besagt: Wer sich rar macht, wird für seine Umwelt nur noch interessanter, fingen Coaches, Lebensberater und spirituelle Weisen an, sich eigene Vorstellungen über diesen Eremiten zu machen. Sie sammeln ihre Ideen in Büchern, beschreiben ihn in allen Facetten, von allen Seiten, in allen Farben. Sie scheinen ihn einzukreisen und zu rufen: Sinn komm raus, du bist umzingelt! Aber der große Unbekannte bleibt unsichtbar und lacht sich ins Fäustchen, weil er bei amazon alle 17274 Bücher gelesen hat, die es über ihn gibt.

Wer auch immer er ist, dieser große Unbekannte, ich hoffe weiter auf ein Blind Date mit ihm. Ich habe jedenfalls immer etwas Gebäck im Haus, falls er mal klingelt.

SAMSUNG

Single-Klingel

Angenommen Du bist Single,
s
itzt zuhaus’, starrst auf die Klingel,
w
artest so, nicht erst seit heute,
d
ass die große Liebe läute.

Wenn es dann schon einmal schellt,
dein Herz fast in die Hose fällt.
Doch nein, ein Pizzatyp will nur
zum Flyerlegen in den Flur.

Falls Du es wagst mal auszugehen,
um dort die Liebe zu erspähen,
so wird die Hoffnung jäh zersiebt,
weil’s scheinbar nur noch Pärchen gibt.

Zum Glück bleibt noch das Internet.
Versuchst Du’s eben mal im Chat.
Doch spätestens beim ersten Date
w
ird klar: Dir fehlt Intimität.

Und sollte Dir ganz aus Versehen
i
m Schwimmbad gegenüberstehen
d
ie Liebe und sie lächelt knapp,
bist Du zu feige und tauchst ab.

So bleibst Du dann wohl weiter Single,
sitzt zuhaus, starrst auf die Klingel.
Doch irgendwie bist Du getrost:
das nächste Mal ist’s nicht die Post.

Füße

Pinguin

Ein Pinguin am Strande stand
Und es doch recht erbärmlich fand,
wie all die braungebrannten Macker
so tun als seien sie tierisch locker
und um die Gunst der Mädchen buhlen,
die sich halbnackt im Wasser suhlen.

Dazu die halbverbrannten Kinder
und Mütter breit wie 20 Rinder,
und erst die Rentner mit den Hüten
und Falten groß wie Plastiktüten.

Dann sabbert jeder noch ein Eis
garniert mit tröpfchenweise Schweiß.
Der Sand klebt einem überall
Es tönt Geschrei wie Überfall.

Was bin ich froh, denkt Pinguin,
dass ich hier nur geschäftlich bin.

by Lynn Gerlach
by Lynn Gerlach

Petition für ein Verbot von „öffentlichem Nahverkehr“

Ich bin ein sehr toleranter Mensch. Ich respektiere Menschen unterschiedlichster Kulturkreise und Hautfarbe, rege mich beim Autofahren nicht auf und gestehe allen Mitmenschen ein Daseinsrecht zu. Fast allen. Es gibt eine Gruppe von Menschen, da hört bei mir die Toleranz auf. Pärchen. Knutschende Pärchen. Direkt vor meiner Nase. In der U-Bahn.

Öffentlicher Nahverkehr“, diese Bezeichnung scheinen viele Pärchen als Aufruf zu verstehen, öffentlich Verkehr zu haben. Das ist es jedoch nicht. Und für jeden Single und jede sonstwie einsame Person ist es eine Zumutung, in einer voll besetzten Bahn den konstant schmatzenden, sich aneinanderreibenden und verliebt anschauenden Pärchen ausgesetzt zu sein, nicht selten in einer Entfernung, die die Grenze zur eigenen Komfortzone durchbricht. Noch dazu in einem Umfeld, in der einem jede Ausweich- oder Fluchtmöglichkeit verwehrt ist. Damit muss jetzt Schluss sein!

Deshalb starte ich eine Petition für das Verbot von zärtlichen Zuneigungsbekundungen zwischen Geschlechtspartnern im öffentlichen Personennahverkehr.

Begründung:

Knutschen und Fummeln sind eine Privatangelegenheit und sollten somit im nicht-öffentlichen Raum stattfinden. Wenn nun aber Pärchen meinen, diese privaten Handlungen im öffentlichen Raum einer S-, U- oder Straßenbahn auszutragen, nötigen sie alle Mitfahrer dazu, optisch und akustisch daran teilzuhaben. Manchmal, z.B. in der Rush-hour, führt es sogar soweit, dass man als unbedarfter Fahrgast so dicht am Geschehen steht, dass man nicht nur deutlich die Speichelfäden sieht, die sich zwischen Zunge und Lippen der beiden entlangziehen, sondern sogar Angst haben muss, diese Zunge beim nächsten Bremsmanöver im eigenen Hals zu haben. Oder schlimmer, dass man sich beim nächsten ruckartigen Anfahren an einer Stange festhält, aber erst zu spät merkt, dass es die falsche ist.

Derartige private Handlungen gehören nicht in den öffentlichen Raum! Sie sind mindestens genauso unangebracht, wie sich in der U-Bahn die Fußnägel zu schneiden.

Neben der im doppelten Sinne körperlichen Nähe ist es zudem moralisch verwerflich, vor den Augen anderer seine Zuneigung auf so derbe weise zu zeigen. Wer ÖPNV fährt, möchte nicht am emotionalen Zustand anderer Menschen teilhaben, sondern sich seinem trostlosen Dasein hingeben. Knutschende und verliebt tuschelnde Pärchen jedoch zeigen auf perfide Art und Weise der ganzen Welt ihre Emotionen. Sie glauben, sie befänden sich in einer rosaroten Blase, in der sie unsichtbar für ihre Mitreisenden ihre Gefühle austauschen können. In Wirklichkeit sind sie aber wie ein bunt geschmückter Wagen beim Rosenmontagsumzug, von dem sie mit Gefühls-Kamellen um sich werfen: schaut wie glücklich und verliebt wir sind, wie toll es ist, dass wir uns gefunden haben, wie großartig wir zusammenpassen und nein, nichts und niemand kann uns auseinanderbringen. Diese Kamelle treffen dann die Umstehenden, v.a. die Alleinstehenden, hart am Kopf und zeigen ihnen, was diese eben nicht haben. Sie schreien ihnen quasi ins Gesicht: Du bist einsam! Dich nimmt niemand in den Arm! Du wirst auch die nächsten 4 Jahre keinen Sex haben! Das Ausmaß an seelischen Schäden, die dabei entstehen, ist noch gar nicht abzuschätzen. Hier erfordert es Zivilcourage! Menschen, die mutig dazwischen gehen und dem ungehinderten Knutschen Einhalt gebieten, zum Wohle der einsamen, ungeliebten Menschen im Waggon. Aber weil sich genau das offensichtlich niemand traut, braucht es ein Gesetz!

Das Knutschen muss aufhören! Pärchen sollen sich wie jeder vernünftige Mensch mit Handys oder ipods beschäftigen oder trostlos aus dem Fenster starren. Sie haben kein Recht, die Zugfahrt für lustvolle Momente zu nutzen und ihr Glück zu mehren. Sie sollen sich beherrschen. Dieses Gesetz muss für alle gelten. Fast alle. Es gibt nur eine einzige Ausnahme. Ich. Frisch verliebt. Mit Partner. In der U-Bahn.