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Ablenkung

Ablenkung ist wie ein Kellner, der ständig mit einem Tablett voller spannender neuer Häppchen vorbeikommt, während man versucht, einem Vortrag zu lauschen.

Gerade hatte ich mich hingesetzt, um in Ruhe einen Text zu schreiben, da klingelte es an der Tür. Mein Leben öffnete mit einem freudigen „Willkommen“ und kam mit seiner guten Bekannten, der Ablenkung, herein. Bestens gelaunt und laut lachend ließ sie sich neben mich auf die Couch fallen. Ihr Blick landete direkt auf dem herumliegenden Fotobuch. „Oh, Urlaubsbilder? Zeig mal!“ rief sie voller Entzücken und blätterte neugierig durch die Seiten. „Ach wie schön! Das war bestimmt toll!“

Was machst du denn schon wieder hier?“ fragte ich wenig begeistert über ihren Besuch. „Ich wollte euch noch was zeigen“, sagte sie, nahm ungefragt meinen Laptop und googelte einen Artikel über das Beziehungsende von Helene Fischer und Florian Silbereisen. „Hier lies mal“, sie hielt mir den Bildschirm hin und meine Augen fingen tatsächlich an zu lesen. „Moment mal“, erwischte ich mich, „das ist doch total unwichtig.“ „Ja, aber man muss doch manchmal auch über die seichten Dinge des Lebens informiert sein, jetzt sei mal nicht so kritisch.“

Ich öffnete wieder die noch leere Seite mit meinem zu schreibenden Text und versuchte, meine Gedanken zu sortieren. „Könnte ich wohl was zu trinken haben?“, kam es von der Seite. Da auch mein Glas leer war, stand ich auf und kochte Wasser. Die Ablenkung folgte mir in die Küche. Ihr Blick fiel abfällig auf einige braune Blätter an meiner Palme und sofort bemühte ich mich, diese zu entfernen. „Die braucht wohl mal wieder Wasser“, sagte sie spitz. Ich griff prompt zur Gießkanne und machte meine Runde durch die häusliche Flora. Als ich im Arbeitszimmer am Wäscheständer vorbei kam, bemerkte die Ablenkung völlig richtig: „Ich glaube, die ist trocken.“ Eine Viertelstunde später lagen sämtliche Socken mit ihren Partnern vereint im Schrank. Ich nahm meine Tasse Tee und setzte mich wieder vor meinen Computer. Die Seite war noch immer weiß. Bereit zum Angriff legte ich die Hände auf die Tastatur und machte mit den Fingern ein paar kurze Dehnübungen. „Oh, deine Nägel gehören aber auch mal wieder gestutzt, was?“ Die Ablenkung schaute etwas pikiert auf meine Hände, „mach’s lieber gleich, sonst vergisst du’s.“ Sie hatte Recht. Also ging ich ins Badezimmer, um das Notwendige zu tun. Beim Blick in den Spiegel fiel mir auf, dass auch die Augenbrauen zu wuchern begannen und ich schloss eine Zupforgie an. Als ich zurück ins Wohnzimmer kam, saß mein Leben mit der Ablenkung über meinen Laptop gebeugt, beide lachten sich schlapp. „Das musst du dir ansehen, zum Piepen!“ riefen sie und machten neben sich Platz, damit auch ich das Video über lustig lachende Babys anschauen konnte. Dann klickten wir aus Neugierde noch auf das Video mit den 10 größten Filmfehlern. Und auf die Doku über Sektenkinder. Wir schauten sämtliche Trailer von anstehenden Kinofilmen, die Top 10 der Promis, die sich einer Schönheits-OP unterzogen hatten und ein Video von Make-up Tricks bei Schlupflidern. Zwei Stunden später meldete mein Akku Leerstand und befreite uns aus dem Youtube-Sog. Der Tee war inzwischen kalt. Ich schloss das Gerät an den Strom und starrte auf die leere Seite, doch in meinem Gehirn kreisten noch Gedanken um die armen Sektenkinder und machten Konzentration unmöglich. „Jetzt wäre etwas zu Knabbern ganz schön, ich verspüre da so einen leichten Hunger“, merkte die Ablenkung neben mir an. Zum geistigen Sortieren schien eine kurze Unterbrechung jetzt tatsächlich sinnvoll und so holte ich ein paar Kekse aus dem Schrank. Während wir darauf herumkauten, schaute ich gedankenverloren aus dem Fenster. „Ach guck, jetzt kommt sogar die Sonne raus!“, rief da die Ablenkung, „ein bisschen frische Luft würde sicher gut tun, vielleicht ein kleiner Spaziergang?“ „Nein, ich muss jetzt wirklich mal diesen Text anfangen“, sagte ich bestimmt und war stolz, wenigstens dieses eine Mal nicht dem Vorschlag der Ablenkung gefolgt zu sein.

So konnte das nicht weitergehen. Das nächste Mal würde ich sie nicht mehr einfach so reinlassen. Ich fragte mich, warum nicht öfter mal die Disziplin zu Besuch kommt und setzte mich mit sämtlich aufzutreibender Willenskraft aufrecht vor meinen Laptop. Ich schloss alle Internetseiten, das Mailprogramm und die geöffneten Urlaubsfotos. Dann atmete ich tief durch. Ruhe und Konzentration stellten sich ein.

Rrrrrrriiinnnnngggggg! „Teeeleeefooon!“

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