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In der Sauna

Schau mal, es geht noch schlimmer,“ sagte mein Leben mit einem schmunzelnden Blick. Wir waren in der Sauna. Um uns herum nackte Haut in allen verfügbaren Formen und Texturen. Das Erstaunlichste allerdings: weit und breit war kein Instagram-Körper zu sehen. Nirgendwo glänzte makellos straffe Haut auf wohldefinierten Körpern. Stattdessen kam ich mir vor, wie in einem Showroom für abgenutztes Leder, aufgehangen an mehr oder weniger gerade Gestellen. Von Furchen und Dellen durchzogen hing Haut mal flach, mal faltig über Knochen oder bedeckte deutliche Fettreserven. Hier war nichts geschönt. Die Sauna ist ein Bereich, wo Photoshop nicht mehr greift. Hier herrscht Realität pur. Nur das schummrige Licht in der finnischen Schwitzhütte kann da noch beim Vertuschen helfen.

Wir saßen im Whirlpool mit einem Rundumblick auf das Geschehen im Wellnessbereich. Es ging herrlich archaisch zu. In der dunklen Saunahöhle saßen die lebenden Lederlappen eng beieinander wie Würstchen auf dem Grill und fröhnten tief atmend und stöhnend der heißen Aufgussluft, die ihnen ein kräftig gebauter Hühne mit einem Handtuch um die Nase wedelte. Kurz darauf traten sie glühend rot und schweißtriefend nach draußen, die Brust geschwellt, als hätten sie gerade eine Feuerprobe bestanden. Doch als ob dies noch nicht genug war, verpassten sie sich gleich anschließend noch eine ordentliche Abreibung. Brav reihten sie sich zunächst in die Schlange der Nackten, um eine vom Saunameister rationierte Portion Salz in die Hand gedrückt zu bekommen, mit der sie sich dann von oben bis unten einrieben. „Pökelfleisch vom Feinsten“, kommentierte mein Leben die Situation. Das Bild der sich schrubbelnden Ärsche erinnerten mich aber auch irgendwie an eine Gruppe Affen im Urwald.

Aus der nächsten Sauna stolperten indes nackte Menschen mit Kriegsbemalung. Ihr Gesicht war komplett mit einer dunklen Masse beschmiert, als kämen sie gerade von einem Totemtanz. Wie in Trance strahlten sie die Gewissheit aus, dass sich ihr Gesichtsleder unter der Heilerde während des letzten Saunagangs auf magische Weise geglättet hat.

Plötzlich ging die Tür der Dampfsauna auf und frisch gedünstete, rosig glänzende Fleischstücke wurden mitsamt einer Dunstwolke in den grellen Raum gespuckt. Mein Leben war begeistert: „Schon toll, dass man in solchen Wellnessparadiesen die Garstufe selbst wählen kann. Je nach Geschmack, raw, medium oder well done, hier ist für jeden eine passende Sauna dabei.“

Aus den nahegelegenen Duschen hörte man kurze, spitze Schreie und männlich rauhes Prusten, auch dies Urwaldgeräusche, die offensichtlich durch das eisige Wasser hervorgerufen wurden, welches sich auf die Leiber ergoss.

Kaum waren die Körper etwas runtergekühlt, ging der Kampf ums Ruhe-Revier los. Einige sehr dreiste Exemplare der Saunagänger hatten bereits vorab ihr Revier mit Handtüchern markiert und belegten somit dauerhaft die besten Plätze. Andere irrten nackt umher, erst, um ihr Handtuch wiederzufinden, welches sie an einen der unzähligen Haken vor einer der unzähligen Saunen gehängt hatten, dann, um einen Platz zur Entspannung zu finden. Und so verteilte sich die Horde der Entspannungssuchenden auf Wärmeliegen, Ruhesessel oder Bettinseln, ein paar planschten im lauwarmen Becken herum und ließen sich aufweichen, wieder andere saßen buckelig bei einem Fußbad.

Da auch der Whirlpool sehr beliebt war, stiegen weitere Leder-Models zu uns ins Sprudelbecken. „Guck da nicht so hin“, sagte ich zu meinem Leben, musste aber einsehen, dass das schwierig ist, wenn man ein Gemächt so dicht vor der Nase hat. So glich der Aufenthalt im Whirlpool eher einem Schaulaufen der schrumpeligen Art: Gemächte kamen, Gesäße gingen. Und zwischendurch versuchte man tunlichst, jegliches zufälliges Füßeln mit Fremden in der unübersichtlich blubbernden Mitte zu vermeiden.

Am Ende des Tages, als wir warm und rein die Sauna verließen, machte sich nicht nur ein Gefühl der körperlichen Erholung breit, sondern auch eine kleine innere Befriedigung, die durch die zahllosen Vergleichsmöglichkeiten entstanden war. „Siehste, es geht noch schlimmer“, resümierte mein Leben und ich stellte zufrieden fest, dass mein eigenes Leder ja noch gar nicht in so schlechter Verfassung war.

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