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Oh wie ist das schön!

Lass uns zur Metzger-WM fahren“, rief mein Leben neulich begeistert. „Bitte was?“, fragte ich. „Zur Weltmeisterschaft der Metzger, im Fanbus sind noch Plätze frei. Wir müssen doch unsere Nationalmannschaft unterstützen.“ „Nationalmannschaft der Metzger?“ Es wurde immer wilder. „Ja, die Fleischwölfe. Die sind gerade aus dem Trainingslager zurück. Jetzt können sie erstmal ein bisschen abhängen. Haha.“ „Du willst zusehen, wie Tierhälften verarbeitet werden?“ „Warum nicht, das scheint mir zumindest spannender als Männer, die einem Ball hinterherlaufen. Metzger bekommen jedenfalls keine horrenden ‚Ablöse’summen, nur weil sie einen Knochen vom Fleisch befreien. Die machen das aus Leidenschaft. Die haben sich auf ihre Kittel einen Hashtag sticken lassen: #HerrderRinder. Das sind noch echte Kerle. Beim Zerlegen rufen sie im Chor: ‚Für unser ehrenwertes Handwerk der Metzger!‘ Das nenn‘ ich mal einen Schlachtruf!“ Mein Leben war Feuer und Flamme. „Ähm“, wendete ich ein, „gibt’s da eventuell noch was anderes, was fleischloses?“ „Na gut, dann fahren wir eben zur Floristen-WM, ist harmloser.“

Kurze Zeit später fanden wir uns vor dem Blumengebinde des deutschen Teilnehmers wieder, inmitten des Ultra-Fanblocks. Frauen mittleren Alters, Typ Gartenmutti, schwangen schwarz-rot-goldene Fähnchen und grölten im Chor „Ooohh, wie ist das schöööön, ooohhh, wie ist das schöööön!“ Die Blumen-Hooligans. Als sich eine Gruppe holländischer Floristen-Fan-Muttis näherte, ergriffen wir vorsichtshalber die Flucht und fuhren weiter zur WM der Berufe. Hier feuerten wir Dachdecker, Fliesenleger und Maurer an. Ich, mittlerweile ganz Fan, hielt eifrig mein selbstgemaltes Schild hoch auf dem stand: „Ich will ein Haus von dir“. Wir fieberten beim CNC-Fräser genauso mit wie beim Konditor und jubelten am Ende mit dem besten Betonbauer der Welt. Was für eine Stimmung! Ich war begeistert! Eine völlig neue Welt hatte sich mir eröffnet. Ich wollte mehr. Und so starteten wir unseren WM-Marathon.

Wir fuhren zur Weltmeisterschaft im Fahnenschwingen. Und im Fahnenhochwerfen. Zur WM im Schafe scheren. Im Kopfrechnen. Im Nageldesign. Wir staunten, wie sich Baumkletterer und Luftgitarrespieler maßen und hofften, dass Minigolf bald olympisch würde. „Es gibt auch eine Vögel-WM in Zwolle“, sagte mein Leben. Ich verzog eine Augenbraue und schaute ungläubig. „Na nicht was du schon wieder denkst. Da geht’s um die Piepmätze.“ „Ach nee,“ winkte ich ab und freute mich eher auf die WM der Ponyfahrer in Minden. Dann folgten faszinierende Tage bei der Weltmeisterschaft im Extrembügeln, wo die Teilnehmer auf Felsen, Bäumen oder auf dem Wasser Kleidungsstücke plätten mussten. Manchen ist die Kombination Bügeleisen und Wohnzimmer scheinbar noch nicht genug. Aber zum Glück lief da alles glatt.

Eher aufwühlend war es dagegen bei der Weltpflügermeisterschaft. 29 Nationen traten dort in Kategorien wie Stoppelpflügen, Dampfpflügen und Pferdepflügen gegeneinander an und gruben um, was das Zeug hielt. Und wie sie da so schön die Furchen zogen, überkam mich das leise Gefühl, dass die letzte Pflüger-WM wohl in meinem Gesicht stattgefunden haben muss.

Die Weltmeisterschaft im Angeln verfolgten wir gebannt vor dem TV, wobei die ruhige Stimmung durch die fatalerweise weibliche Live-Kommentatorin etwas zerstört wurde, die mit Sprüchen wie „So einen tollen Hecht hätte ich auch gerne mal an der Angel“ einen Shitstorm in den sozialen Medien auslöste.

Der Austragungsort der Mensch-ärgere-dich-nicht-WM war die Mensa des Ottheinreich-Gymnasiums in Wiesloch, wo wir jedoch direkt wieder rausgeworfen wurden, weil wir ein paar Leute in der Schlange übersprungen hatten.

Als wir schließlich noch zur Weltmeisterschaft in Schere, Stein, Papier fuhren, dachte ich so bei mir: Der Mensch ist schon komisch. Der liebe Gott hat ihn mit einem hochentwickelten Gehirn ausgestattet, mit dem er faszinierende Dinge erschaffen kann wie 3D-Drucker, Präzisionskreissägen oder Raumschiffe. Aber offensichtlich ist er damit noch nicht ausgelastet, denn er veranstaltet eine Schnick-Schnack-Schnuck-WM. Und ich überlegte, welche spannenden Wettkämpfe man denn noch so ins Leben rufen könnte. Ich träumte von einer WM im Popeln. Im Rasenmähen. Im Sitzplatz-im-ICE-finden oder einen Parkplatz nach Feierabend in der Großstadt.

Und ich fragte mich, ob der Mensch gar nicht die einzige Spezies ist, die Weltmeisterschaften ausführt. Vielleicht machen es die Tiere ja genauso.
Vielleicht treffen sich z.B. Mücken alle 2 Jahre im Sommer zur Mückenstich-WM in Schweden und messen sich darin, wer am meisten Blut aus Urlaubern saugen kann, ohne dabei von einer klatschenden Hand erwischt zu werden. Die besten drei kommen ins Stechen. Die deutsche Mücken-Nationalmannschaft setzt sich zusammen aus den talentiertesten Stechern des Landes, ausgewählt vom Bundestrainer bei Vorentscheiden in der Mecklenburgischen Seenplatte, im Spreewald und am Donauufer. Mit dabei ist außerdem eine afrikanische Malariamücke, die seit Jahren in Deutschland lebt und als Zeichen der gelungenen Integration das Team verstärkt. Sie nennen sich die „Bloody Marys“ und haben sich auf ihre Flügel Hashtags tätowieren lassen #Stacheles #netpicksen #Vamplife und rufen vor jedem Spiel „Blut tut gut!“. Und außenrum schwingen hunderte mückrige Fans aus Deutschland schwarz-rot-goldene Fähnchen und summen „Oh wie ist das schön!“

Sport?

Sport?“, fragte mein Leben und zog eine Augenbraue hoch, „Nun, sagen wir so, wir pflegen eine freundschaftliche Beziehung, der Sport und ich.“ „Und warum ist da nie mehr daraus geworden?“, fragte ich, und mein Leben antwortete mit einem bedeutungsvollen Seufzer, als handle es sich um das Ende einer ganz großen Romanze: „Ach weißt du, es gibt einfach keinen Platz für ihn. Er kann mich nicht glücklich machen. Alles, was er von mir will ist Zeit und Energie und die kann ich ihm nicht geben. Ich habe tausend andere Sachen zu tun und kann ihm nicht die Aufmerksamkeit schenken, die er von mir verlangt. Arbeiten, Einkaufen, Wäsche waschen, das allein schlaucht ja schon. Und dann soll ich mich auch noch um ihn kümmern? Nein, das geht nicht. Dafür reicht die Kraft nicht.“
Mein Leben machte eine nachdenkliche Pause und fügte dann in leidvollem Ton hinzu: „Es setzt mich einfach unter Druck, wenn er mit mir zusammen sein will. Er verlangt so viel Ehrgeiz. Ehrgeiz entwickle ich höchstens beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen. Er will, dass ich an meine Grenzen gehe. Wozu, frage ich mich? Was soll ich da? Wo es mir doch entspannt auf der Couch viel besser geht.“ Ich nickte verständnisvoll und bohrte nach: „Habt ihr es denn nicht mal miteinander versucht?“ „Doch, doch“, bestätigte mein Leben, „mehrfach sogar. Mit Rollenspielen hat er versucht, mich zu überzeugen, doch keine Sportart rief irgendeine Form von Begeisterung in mir hervor. Wasserspringen endete mit Höhenangst und Bauchklatschern, beim Handball lief ich eifrig zum falschen Tor, Krafttraining bescherte mir Kopfschmerzen und beim Yoga kippte ich um oder schlief ein.“ „Das ist ja eher blöd dann“, sagte ich und schwieg nachdenklich.
Mein Leben hingegen fuhr fort: „Überall wird davon geredet, wie bedeutsam er sei. Er wird gehypt wie ein Superstar. Und dann diese Groupies, die behaupten, nicht ohne ihn leben zu können, so viele Anhänger, die ihm frönen, sich ihm unterwerfen, alles in seine Dienste stellen. Das ist doch absurd. Ich kann ihm nicht mal zusehen, wenn er im Fernsehen läuft.“ Mein Leben klang nun etwas frustriert. „Wir sind einfach nicht füreinander gemacht.“
Es herrschte eine Weile Stille, dann fragte ich vorsichtig: „Habt ihr noch Kontakt?“ „Wir sehen uns gelegentlich. Das ist dann aber eher eine oberflächliche Geschichte.“ „Und das war’s dann? Nie wieder Sport?“, ich schaute mein Leben fragend an, „Ich meine ja nur, also, wir werden ja auch nicht jünger und -“, ich stockte auf der Suche nach den richtigen Worten, „also, ähm, der Bauch und der Po, zum Beispiel, die verlieren ja schon etwas an Form mittlerweile und, also, ich glaube, die Gesundheit freut sich auch, wenn der Sport öfter mal vorbeischaut. Vielleicht gibst du ihm doch noch eine Chance?“ Ich versuchte ein motivierendes Lächeln und blickte mein Leben erwartungsvoll an. Es dauerte eine Weile, bis es reagierte: „Dann soll er sich aber was einfallen lassen.“