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Ablenkung

Ablenkung ist wie ein Kellner, der ständig mit einem Tablett voller spannender neuer Häppchen vorbeikommt, während man versucht, einem Vortrag zu lauschen.

Gerade hatte ich mich hingesetzt, um in Ruhe einen Text zu schreiben, da klingelte es an der Tür. Mein Leben öffnete mit einem freudigen „Willkommen“ und kam mit seiner guten Bekannten, der Ablenkung, herein. Bestens gelaunt und laut lachend ließ sie sich neben mich auf die Couch fallen. Ihr Blick landete direkt auf dem herumliegenden Fotobuch. „Oh, Urlaubsbilder? Zeig mal!“ rief sie voller Entzücken und blätterte neugierig durch die Seiten. „Ach wie schön! Das war bestimmt toll!“

Was machst du denn schon wieder hier?“ fragte ich wenig begeistert über ihren Besuch. „Ich wollte euch noch was zeigen“, sagte sie, nahm ungefragt meinen Laptop und googelte einen Artikel über das Beziehungsende von Helene Fischer und Florian Silbereisen. „Hier lies mal“, sie hielt mir den Bildschirm hin und meine Augen fingen tatsächlich an zu lesen. „Moment mal“, erwischte ich mich, „das ist doch total unwichtig.“ „Ja, aber man muss doch manchmal auch über die seichten Dinge des Lebens informiert sein, jetzt sei mal nicht so kritisch.“

Ich öffnete wieder die noch leere Seite mit meinem zu schreibenden Text und versuchte, meine Gedanken zu sortieren. „Könnte ich wohl was zu trinken haben?“, kam es von der Seite. Da auch mein Glas leer war, stand ich auf und kochte Wasser. Die Ablenkung folgte mir in die Küche. Ihr Blick fiel abfällig auf einige braune Blätter an meiner Palme und sofort bemühte ich mich, diese zu entfernen. „Die braucht wohl mal wieder Wasser“, sagte sie spitz. Ich griff prompt zur Gießkanne und machte meine Runde durch die häusliche Flora. Als ich im Arbeitszimmer am Wäscheständer vorbei kam, bemerkte die Ablenkung völlig richtig: „Ich glaube, die ist trocken.“ Eine Viertelstunde später lagen sämtliche Socken mit ihren Partnern vereint im Schrank. Ich nahm meine Tasse Tee und setzte mich wieder vor meinen Computer. Die Seite war noch immer weiß. Bereit zum Angriff legte ich die Hände auf die Tastatur und machte mit den Fingern ein paar kurze Dehnübungen. „Oh, deine Nägel gehören aber auch mal wieder gestutzt, was?“ Die Ablenkung schaute etwas pikiert auf meine Hände, „mach’s lieber gleich, sonst vergisst du’s.“ Sie hatte Recht. Also ging ich ins Badezimmer, um das Notwendige zu tun. Beim Blick in den Spiegel fiel mir auf, dass auch die Augenbrauen zu wuchern begannen und ich schloss eine Zupforgie an. Als ich zurück ins Wohnzimmer kam, saß mein Leben mit der Ablenkung über meinen Laptop gebeugt, beide lachten sich schlapp. „Das musst du dir ansehen, zum Piepen!“ riefen sie und machten neben sich Platz, damit auch ich das Video über lustig lachende Babys anschauen konnte. Dann klickten wir aus Neugierde noch auf das Video mit den 10 größten Filmfehlern. Und auf die Doku über Sektenkinder. Wir schauten sämtliche Trailer von anstehenden Kinofilmen, die Top 10 der Promis, die sich einer Schönheits-OP unterzogen hatten und ein Video von Make-up Tricks bei Schlupflidern. Zwei Stunden später meldete mein Akku Leerstand und befreite uns aus dem Youtube-Sog. Der Tee war inzwischen kalt. Ich schloss das Gerät an den Strom und starrte auf die leere Seite, doch in meinem Gehirn kreisten noch Gedanken um die armen Sektenkinder und machten Konzentration unmöglich. „Jetzt wäre etwas zu Knabbern ganz schön, ich verspüre da so einen leichten Hunger“, merkte die Ablenkung neben mir an. Zum geistigen Sortieren schien eine kurze Unterbrechung jetzt tatsächlich sinnvoll und so holte ich ein paar Kekse aus dem Schrank. Während wir darauf herumkauten, schaute ich gedankenverloren aus dem Fenster. „Ach guck, jetzt kommt sogar die Sonne raus!“, rief da die Ablenkung, „ein bisschen frische Luft würde sicher gut tun, vielleicht ein kleiner Spaziergang?“ „Nein, ich muss jetzt wirklich mal diesen Text anfangen“, sagte ich bestimmt und war stolz, wenigstens dieses eine Mal nicht dem Vorschlag der Ablenkung gefolgt zu sein.

So konnte das nicht weitergehen. Das nächste Mal würde ich sie nicht mehr einfach so reinlassen. Ich fragte mich, warum nicht öfter mal die Disziplin zu Besuch kommt und setzte mich mit sämtlich aufzutreibender Willenskraft aufrecht vor meinen Laptop. Ich schloss alle Internetseiten, das Mailprogramm und die geöffneten Urlaubsfotos. Dann atmete ich tief durch. Ruhe und Konzentration stellten sich ein.

Rrrrrrriiinnnnngggggg! „Teeeleeefooon!“

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Alltag

7.30 Uhr. Die Musik meines Weckers reißt mich aus der Traumwelt. Kaum, dass ich die Augen einigermaßen geöffnet habe und mein Gehirn seine Arbeit langsam aufnimmt, sehe ich ihn schon am Bettrand stehen. Meinen Alltag. In einem dunkelblauen, etwas zu kleinen Anzug steht er da, frisch gestriegelt und voller Erwartung, wie ein Schulkind vor dem ersten Schultag. „Guten Morgen“, sagt er motiviert. Wie jeden Morgen. Mit seinem Klemmbrett in der Hand wippt er ein wenig ungeduldig auf den Fersen auf und ab und wartet, bis ich mich aus dem Bett gepellt habe. Ich weiß genau, was jetzt kommt. Er hat schon alles vorbereitet. Darum nimmt er mich an die Hand und ich folge ihm schlurfend ins Badezimmer. Jeden Tag hat er ein Programm für mich, jeden Tag die Abläufe genau durchgeplant. Er macht das sehr liebevoll. Nur, es ist jeden Tag dasselbe Programm. Die Abläufe sind jeden Tag identisch. Anziehen, frühstücken, zur Arbeit fahren, arbeiten, nach Hause fahren, essen, Haushalt, duschen, schlafen. In dieser Hinsicht hat mein Alltag etwas Zwanghaftes, ja fast Autistisches. Es muss alles genau so gemacht werden wie am Tag davor. Schon bei kleinen Abweichungen wird er nervös und kommt aus dem Konzept. Irgendwie tut er mir leid, wie er so gefangen ist, und ich möchte ihn zwicken, herausholen aus seiner Mühle, ihn fordern. Aber wie?

Sobald ich kurz innehalte um zu überlegen, wie ich ihn überraschen könnte, hat er mich schon wieder am Arm gepackt und sanft zum nächsten Programmpunkt geschoben. „Es muss ja doch gemacht werden“, sagt er dann schulterzuckend. „Aber können wir denn nicht mal was anders machen?“, frage ich, „Muss es immer so sein wie am Tag davor?“ „Manchmal ist das Wetter anders“, gibt mein Alltag zurück, als ob diese Tatsache Veränderung genug sei. Ich bleibe hartnäckig: „Mein Gehirn wird doch gar nicht mehr richtig gefordert, wenn es nur Dinge tut, die es schon hundertmal getan hat, immer in derselben Abfolge.“ „Naja, warum bitte solltest du dich auch VOR dem Duschen abtrocknen wollen? Das macht ja gar keinen Sinn. Oder auf dem Fahrrad Zähneputzen, das ist glaube ich nicht erlaubt.“ Ich verdrehe die Augen, weil mein Alltag so verstockt ist. „Sei froh, dass du mich hast,“ sagt er dann, „ich gebe deinem Tag Struktur.“ „Besten Dank“, erwidere ich, „aber ich bevorzuge das kreative Chaos.“ „Weißt du, wieviel Energie es kosten würde, jeden Tag neu zu überlegen, was alles ansteht und in welcher Reihenfolge es am sinnvollsten zu erledigen ist?“ „So schlimm kann das nicht sein“, gebe ich zurück, „kein Abenteurer weiß vorher was der Tag für ihn bereithält. Kein Abenteurer erlebt zweimal denselben Tag.“ „Das vielleicht nicht, aber auch Abenteurer müssen sich die Zähne putzen.“ Alltage sind so realistisch.

Manchmal möchte ich mich auf den Boden setzen wie ein stures Kind, das keine Lust hat, den stumpfsinnigen Aufforderungen der Eltern nachzukommen. Dann träume ich von einem Leben im anarchischen Reich der Alltagslosen, wo die lästigen Routinen von kleinen Alltags-Gnomen, sogenannten Routiniers, übernommen werden und man selbst endlos Zeit hat, Luftschlösser zu bauen, Schmetterlingen hinterherzujagen oder Purzelbäume zu schlagen. Paradiesisch. Aber sogleich steht mein Alltag neben mir und ermahnt mich zu mehr Disziplin.

Es scheint, als müsse ich mich mit ihm arrangieren. Vielleicht ist ja gerade er das Abenteuer. Abenteuer Alltag, so sagt man doch. Vielleicht muss ich nicht ihn ändern, sondern meine Einstellung zu ihm. Er ist ja schließlich nur für die Abläufe zuständig, die Inhalte darf ich immer noch selbst gestalten. Vielleicht muss ich also dem sturen Kind in mir einfach ein wenig mehr Spaß bieten, damit es den Aufforderungen nachkommt. Ein Tänzchen beim Zähneputzen. Beim Kochen Podcasts hören. Vielleicht muss ich einfach versuchen, die betonierten Pfade meines Alltags etwas zu begrünen, ein paar bunte Blumenkästen hier und da aufstellen. Auf dem Heimweg spontan vom Fahrrad in den Fluss springen. Oder einfach direkt zum Kino weiterfahren.
Wenn ich also in seine Abläufe gelegentlich kleine Prisen Freude, Spontanität und ein Quäntchen Verrücktheit streue, dann bewahrt mich das vor dem gefürchteten Abstumpfen, ohne dass ich seinen Job gefährde.

Zeit zum Abendessen“, ruft mein Alltag und tippt dabei mit dem Stift bedeutungsvoll auf sein Klemmbrett. „Na gut“, sage ich und lasse mich diesmal bereitwillig von ihm an die Hand nehmen. Schließlich warten auf mich ein paar Luftschlösser, die ich gleich aus den Löchern im Käse bauen werde.

Der Schnupfen

Hat ein Schnupfen dich im Griff,
die Nase tut nicht einen Pfiff,
der Kopf dröhnt dämmrungsschwer: Infekt!
Dann lag’s wohl diesmal nicht am Sekt.

Du denkst: „Nimm Aspirin, wie immer“,
schleppst dich sogleich ins Badezimmer
zum Pillenschrank mit all den Sachen,
die Kranke schnell lebendig machen.

Dort find’st du Pumpspray, Brause-, Filmtabletten
mit namensfremden Etiketten,
ein Cremchen gegen Rheumaschmerz
und da schau an, auch was für’s Herz.

Doch das, wonach der Kopf sich sehnt,
ist hier wohl nirgendwo erwähnt.
Und als der dritte Hustensaft
dich höhnisch angrinst denkst du nur:
Was wär es einfacher gewesen
mit einem Husten zu genesen.“

Adventskalender-Wettrüsten

Vorsicht“, rief mein Leben, „hier ist alles vermint!“ Wir betraten gerade das Erdgeschoss eines Kaufhauses und befanden uns plötzlich mitten in einem weihnachtlichen Schlachtfeld. Glitzernde Kugeln, blinkende Lichterketten, kitschige Kerzen wohin das Auge reichte. Die Adventszeit war offensichtlich wieder mal im Land eingefallen und die Waffen, mit denen sie ihre Fronten verteidigte, hatten mittlerweile bedrohliche Ausmaße angenommen. Dabei begann es wie immer ganz harmlos. Anfang September. Die Sommerferien waren noch nicht vorbei, da fand man im Handel schon die ersten Vorboten dieser konsumistischen Schlacht. Schokokugeln, die im April noch Ostereier waren. Osterhasen, die nun als Weihnachtsmänner uniformiert in Reih und Glied aufmarschierten. Herzen von Lebkuchen bereit zur Organspende.

Und dann, ab Oktober, setzte es schlagartig ein, das Adventskalender-Wettrüsten. Ich dachte, der kalte Krieg sei vorbei,“ wunderte sich mein Leben, als wir vor einem schier unüberwindbaren Wall aus Adventskalendern standen. Adventskalender unterschiedlichster Kaliber ließen keinen Zweifel daran, dass hier ein Säbelrasseln einer ganz neuen Dimension im Gange war. Die Palette der Munitionen reichte von unscheinbaren Kalenderchen in Postkartenformat mit bunten Bildchen von Vögelchen mit Weihnachtsmützchen bis hin zu mannshohen Geschossen geladen mit nutzlosen Konsumgütern wie Parfüm oder Modeschmuck. Hier rief die Adventsrüstungs-Industrie die Bürger eindeutig dazu auf, sich zu bewaffnen. Um die Zeit des Wartens auf Weihnachten totzuschlagen und die Vorfreude auf den heiligen Geschenke-Abend zu steigern, konnten die Waffen nicht groß genug sein. Einfache Schokolade war offenbar wirkungslos geworden.

Naaaa? Welcher darf’s denn sein?“, säuselte ein geschniegelter junger Mann im Anzug und baute sich repräsentativ vor der Adventskalender-Mauer auf, „wir haben Kalender für Männer, für Frauen, für Papa, für Mama, für Paare, für Schwangere, für Kleinkinder, für den Hund oder die Katz.“ Ich schaute ihn skeptisch an. „Junge Frau, sie müssen doch gewappnet sein! Womit wollen sie denn zurückschlagen, wenn der Partner am ersten mit einem Adventskalender um die Ecke kommt? Da wollen sie doch nicht mit leeren Händen dastehen und kapitulieren müssen, oder? Und auch mit einem einfallslosen Kalender aus den 90ern, sie wissen schon, die mit billiger Schokolade und der künstlerisch niveaulosen Schneelandschaft samt knollnasigem Weihnachtsmann, sollten sie sich nicht mehr vor die Tür trauen.“ Wir hatten es hier offensichtlich mit einem Rüstungsexperten zu tun. Ich druckste gerade ein „Äh“ heraus, als der Verkäufer Lunte roch. „Ach, oder gehören sie zur Infanterie? Die Fußsoldaten, die sich ihre Waffen selber bauen? Jaahaa, das ist natürlich die Königsdisziplin! Was die aus Jutesäckchen, Holz und Pappe so konstruieren, da zeigen sich die wahren Kämpfer. Wer da Kreativität besitzt, ist schon mal im Vorteil, nicht?“ Ich nickte wortlos, doch der Mann ließ nicht locker und beugte sich zu mir. „Aber mal unter uns, das is ja ganz süß, aber mit Pfeil und Bogen kommen sie heute nicht mehr weit. Wenn sie ins Ziel treffen wollen, dann empfehle ich ihnen eine unserer Kanonen hier“, er wies mit seinem Arm in Richtung Adventskalender-Palette, „alle mit 24 Schuss feinster Munition. Damit haben sie den Sieg in der Tasche.“ „Danke, aber ich…“ „Aha, sie können sich nicht entscheiden, kein Problem, ich helfe ihnen! Also, wollen sie lieber einen mit was Essbarem? Müsli, Nüsse, Powerriegel, Gewürze, Honig, Wurst, Marmelade, Chips, Saft, Tee, Kaffee, Bier, Wein, Sekt?“ „Geil“, flüsterte mein Leben und giggelte, „in 24 Schritten zum Alkoholiker!“ Der Waffenverkäufer fuhr eilig fort: „Oder lieber etwas Dekoratives? Strohsterne, Räucherkerzen, Windlichter, Duftkerzen, Glaskugeln, Raumdüfte?“ Ich schaute fassungslos über die endlosen Reihen der Gabenspender in allen möglichen und unmöglichen Formen. „Hier drüben haben wir noch die Kalender mit den praktischen Sachen: Nagelfolien, Badebomben, Hyaloron-Ampullen, Saatgut, Sockenwolle, Sexspielzeug, Kondome, Bücher, Rätsel, Make-up, Werkzeug, Lotterielose und für die Kleinen Spielsachen von Barbie, Bibi und Bob.“

Mein Leben hatte nebenbei zur Erweiterung der Auswahl noch Amazon zu Rate gezogen und klickte sich gerade durch 60.000 Suchergebnisse. „Also ich wäre ja mehr für so Kalender mit immateriellen Dingen wie die hier“, sagte es grinsend und zeigt mir Adventskalender für Wellness, Entschleunigung, Teamwork, Glücksgefühle und gute Laune.

Mir schwirrte der Kopf. Dieses Adventskalender-Wettrüsten hatte eine ganz eigene Dynamik entwickelt und Entspannung war nicht in Sicht. Während ich zum Ausgang stürzte und am Zeitschriftenstand noch den Playboy natürlich mit Adventskalender liegen sah, malte ich mir aus, wo das hinführen würde. In wenigen Jahren würde es Adventskalender mit Bohrmaschinen, High Heels oder Autos geben. Jede Firma würde ihre Produkte ab Herbst nur noch in Kartons mit 24 Türchen ausliefern. Für jeden Berufsstand und jedes Hobby gäbe es den passenden Kalender: Der Adventkalender für den Scheich, 24 wunderbare Yachten! Für Immobilienspekulanten: Spekulatius für Spekulanten. Kleine Wohnungen und atemberaubende Lofts hinter jedem Türchen! Und exklusiv, der Adventskalender für Trump: Werte und Rechte zum Zertrümmern. Inklusive Hammer.

Ich beschloss, mich dieser Schlacht als Kriegsverweigerer zu entziehen. Immerhin war klar, dass schon im Januar die Abrüstung beginnen würde, und bis dahin könnte ich gut ohne tägliches Türchenöffnen leben. Doch dann kam am ersten Dezember mein Leben mit einem Adventskalender um die Ecke. So einem schnöden mit weißer Winterlandschaft und knollnasigem Weihnachtsmann. Und 24 kleinen Milchschokolade-Stückchen in konturschwachen Plastik-Formen. Der erwischte mich eiskalt. „Wie früher“, grinste ich ergeben. „Touché“, sagte mein Leben und lächelte ein Siegerlächeln.

How to be durchschnittlich

Podcast #278
Wie Ihr mehr Durchschnittlichkeit in Euer Leben bringt

Hallo Ihr Lieben da draußen,
es ist echt total schön, dass Ihr wieder dabei seid! Auch heute möchte ich meinen belanglosen Senf zu einem bedeutungslosen Thema abgeben. Ich möchte eine wunderschöne Erfahrung mit Euch teilen, die mein Leben grundlegend verändert hat. Ich möchte Euch heute zeigen, wie man ein Leben wirklich und wahrhaftig in Durchschnittlichkeit führen kann. Es ist möglich!

Dafür möchte ich Dir ein Tool an die Hand geben, welches auch Dein Leben transformieren wird. Mit diesem Tool wirst Du es schaffen, aus der spirituellen Tiefe herauszukommen und Dich zurück auf eine banale Ebene zu führen. Auf dieser Ebene der vollkommenen Durchschnittlichkeit wirst Du weder kraftvolle Visionen noch Träume haben. Befreit von Inspiration und Kreativität wirst Du Dein Potenzial nicht ansatzweise ausschöpfen und dadurch das Leben leben, welches für Dich vorgesehen ist: ein Leben in Durchschnittlichkeit.

Auch ich bin diesen Weg gegangen, habe mich von Individualität und Perfektionismus losgesagt, um zu sein, wie Millionen anderer Menschen: durchschnittlich, nichts besonderes, nahezu spießig langweilig. Dieser Weg ist nicht einfach, aber er lohnt sich.
Deshalb habe ich hier 5 leicht umsetzbare Tools zusammengestellt, die Dir dabei helfen sollen, das Durchschnittlichsein auch in Deinem Leben zu implementieren:

#1 Träume nur nachts!
Lebe nicht Deinen Traum, sondern Dein Leben. Träumen kannst Du, wenn Du schläfst, tagsüber gilt es, sich um wirklich wichtige Dinge zu kümmern: den Abwasch, die Wäsche, den Einkauf. Als durchschnittlicher Mensch lebst du nicht im Wolkenkuckucksheim sondern in der Realität. Befrei Dich von der Last Deiner unerreichbaren, kraftzehrenden Visionen und tauche ein in die Vielfalt von banalen, wahrhaftigen Erfahrungen, die der schnöde Alltag für Dich bereit hält.

#2 Sei ineffizient!
Disziplin ist der Feind der Versuchung. Statt stur Deinen Zielen hinterherzulaufen, lass Dich lieber von der Versuchung an wunderbare Orte führen. Darum: Sei ineffizient, mach, was auch immer Dir gerade in die Finger fällt. Bleib bei youtube hängen. Döse. Lass Dich ablenken. Wenn Du Dich von Deiner Umwelt zu den nächsten Schritten inspirieren lässt, kommst Du an Ziele, die Du mit Disziplin nie erreicht hättest.

#3 Sei zufrieden!
Wer ständig Ansprüche an das Leben stellt, muss immer für deren Erfüllung kämpfen. Durchschnittliche Menschen sparen sich diese Energie, indem sie annehmen, was kommt. Betrachte Zufriedensein als das neue Streben. Es ist deutlich weniger anstrengend als ständiges Streben nach etwas Besserem. Trau Dich, auch mal nicht besonders gut zu sein und Du wirst die tiefgreifende Erfahrung machen: Mittelmaß reicht zum Überleben.

#4 Sei sinnlos!
In der Dunkelheit der spirituellen Tiefen ist es schwierig, einen Sinn zu finden. Finde Erleuchtung auf einer realen Ebene, indem Du das Leben als das annimmst, was es ist: sinnlos. Deine Welt wird um so vieles einfacher, wenn Du einsiehst, dass Dein Tun keinen tieferen Zweck erfüllen muss. Warte nicht auf Inspiration. Durchschnittsmenschen sind zu nichts Höherem geboren, als zum Sein.

#5 Bleib unbeachtet!
Sei ehrlich zu Dir selbst: niemanden interessiert, was Du tust. Befrei Dich von der Illusion, etwas Besonderes sein zu müssen und Dir wird eine Last genommen. Schwimm mit dem Strom, rage nicht heraus, sei wie alle anderen. Spar Dir die Mühe der Individualisten, die mit allen Mitteln versuchen, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Durchschnittsmenschen brauchen keine Likes, sie haben Freunde.

Also, ich kann Dich nur motivieren, diesen Weg zur Durchschnittlichkeit zu gehen! Werde ein Otto Normalverbraucher, sei Hinz oder Kunz, oute Dich als Max Mustermann oder Lieschen Müller! Entdecke diese neue Art des Daseins!

Seit ich durchschnittlich bin, ist mein Leben voll von ganz tollen Erlebnissen, die mich überhaupt nicht weiterbringen, z.B. stelle ich mich immer an der falschen Kasse an, und ich kann nur sagen, das ist eine wunderbare Erfahrung, denn es bringt mich zurück zu den Wurzeln, zu den Basics, die das echte Leben ausmachen.

Jetzt ist es an Dir, Dich in Durchschnittlichkeit zu üben. Dafür musst Du weder produktiv noch achtsam, weder diszipliniert noch kreativ sein. Sei einfach talentfrei, mittelmäßig, uninspiriert, dann bist Du auf dem richtigen Weg! Und wirst vielleicht auch bald Teil unserer Durchschnitts-Community. Für mehr Infos klicke einfach auf den Link zur Ordinary-University, dort findest Du vertiefende Kurse zum Thema Durchschnittlichsein in verschiedenen Lebensbereichen, z.B. „Verreisen wie Jedermann“, „Mittelmäßig im Job“ oder „Gewöhnliche Beziehungen“.

So Ihr Lieben, das wars von mir. Ich fand’s total schön, dass Ihr diese einzigartige Erfahrung mit mir geteilt habt. Bitte gebt mir keine Bewertung, spart Euch die Kommentare, nutzt die Zeit zum Popeln und an die Decke starren. In diesem Sinne: Just be ordinary.

Hier habe ich noch einige durchschnittliche Erfahrungen aus der Community zusammengestellt:

  • Ich lieg in Jogginghosen auf der Couch und mache kein Foto davon.

  • Ich geh einem 9-5 Job nach, krasses Gefühl diese Sicherheit und Routine. Kann es nur empfehlen!

  • Ich esse mein Müsli ohne Gojibeeren, Chiasamen und Amaranth. Oder ich esse ein Nutellabrot. Das ist Superfood genug.

  • Ich habe meinen Traumkörper gefunden. Auf der Website des Fitnessstudios.

  • Meine Morgenroutine: die Snooze-Funktion meines Weckers betätigen. Immer und immer wieder.

  • Ich habe hunderte von Followern. Morgens auf dem Weg in die U-Bahn.

Hilfe, ich bin glücklich

Liebes Dr. Winter-Team,
ich bin einfach glücklich mit meinem Leben. Was stimmt mit mir nicht? Bitte helft mir, ich glaube, ich bin nicht normal.        F. aus M.

Liebe F.,
es ist tatsächlich etwas ungewöhnlich, dass jemand „einfach glücklich“ ist, aber es gibt noch keinen Grund zur Sorge. Jeder Mensch hat gelegentlich Anzeichen einer positiven Verstimmung, die mit einer optimistischen Sichtweise auf die Welt, einem erhöhten Selbstwertgefühl sowie einer inneren Zufriedenheit einhergehen. Solange diese Symptome nicht von Dauer sind, ist die Verstimmung nicht schwerwiegend.

Du solltest zuerst einmal herausfinden, welche Gründe hinter deinem frohen Gemüt stecken könnten. Hast du etwa eine funktionierende Beziehung oder bist zufrieden mit deinem Job? Erst wenn du weißt, was die Quelle deines Glücks ist, kannst du daran arbeiten, es im Zaum zu halten. Viele dieser Ursachen entpuppen sich nämlich bei genauerer Betrachtung als gar nicht so rosig. Es findet sich immer Potential für Unzufriedenheit.

Versuche daher, in besonders glücklichen Situationen öfter auch das Negative und die Schattenseiten zu sehen. Hier hilft z.B. das Dramatisieren von Nichtigkeiten, ein Streit oder eine Portion Neid. Das schüttet genügend Stresshormone aus, um wieder schlecht gelaunt zu sein und die Aufwärtsspirale zu unterbrechen.

Glückliche Menschen können mit ihrer permanent guten Laune nämlich schnell in die Isolation geraten, da andere oft nicht wissen, wie sie mit Zufriedenen umgehen sollen. Viele wollen sich einfach nicht von der positiven Stimmung heraufziehen lassen und meiden frohe Mitmenschen. Gerade im negativ geprägten Alltag fühlen sich glückliche Menschen dann oft unverstanden und hilflos.

Sollte dein Zustand länger als 2 Wochen andauern, such bitte einen Psychotherapeuten auf. Der kann dir mit Gesprächen und im Ernstfall auch mit stimmungssenkenden Mitteln helfen, deine Glücksgefühle in den Griff zu bekommen, bevor sie chronisch werden. Aber sei unbesorgt, du hast dein Problem frühzeitig erkannt und damit schon den ersten Schritt zur Besserung getan. Vergiss nicht: Think negative!

Dein Dr. Winter-Team

#bumsfidel #keinechancedemmiesepeter

The grass is always greener on the other side

Ich beneide dich schon manchmal um dein Leben“, sagt meine Freundin jedes Mal, wenn wir uns sehen. Sie meint mein Single-Dasein, das sie selbst vor einigen Jahren für Mann und Kinder hinter sich gelassen hat. „Tja, und ich beneide dich manchmal um deines“, gebe ich ehrlicherweise zurück. Warum nur hat man immer Sehnsucht nach dem, was man eben gerade nicht hat?

Es kommt mir vor, als seien wir Schafe, die immer auf die Wiese hinter dem Zaun schielen und zu sehen glauben, dass das Gras dort deutlich grüner und die Schafe darauf auch irgendwie vergnügter sind als wir. Ich zum Beispiel stehe allein auf meiner Single-Wiese, beiße lustlos ins Gras und wenn ich mampfend aufschaue, sehe ich drüben auf der Weide eine glückliche Schaf-Familie einträchtig beim gemeinsamen Abendessen. Sie blöken fröhlich und angeregt vor sich hin, während ich nebenbei Kreuzworträtsel löse, um die Ödnis des Alleine-Grasens erträglich zu gestalten. Ein anderes Mal komme ich gerade von der Tränke mit einem befreundeten Schaf und schlendere allein Richtung Stall, als ich sie wieder sehe. Die Lämmer quieken und glucksen vor Freude, weil Vater Schaf wie wild mit ihnen herumtollt, bevor er sich zu Mutter Schaf stellt und ihr zärtlich in den Nacken beißt. Ich lege mich in mein Stroh und denke, das einzige was mich beißt, sind Flöhe. Wieder ein anderes Mal komme ich morgens von einer durchblökten Nacht, in der ich keinen Bock hatte, weil nur so blöde Hammel unterwegs waren. Ich sehe, wie die verschlafenen Lämmlein sich zwischen Mama und Papa Schaf kuscheln und leise blöken, wie lieb sie sie haben. Ich versuche mir einzureden, dass mein Stroh mich auch lieb hat.

Gelegentlich stehe ich mit Mutter Schaf am Gatter und erzähle ihr, was ich so sehe und wie schön ich das finde. Dann lacht sie, verdreht die Augen und sagt: „Ja, so eine Familie hat schon was. Ich möchte sie auch nicht missen. Aber ich glaube, du hast bisher nur die halbe Wahrheit gesehen. Was du nicht gesehen hast, sind die endlosen Diskussionen mit den Lämmern beim Abendessen, wer was wie zu essen hat und wer wann warum aufstehen darf. Wie oft ich mich mit Vater Schaf in der Wolle habe über seine Erziehungsmethoden oder über banale Fragen, wie der Stall zu führen ist. Die Energie, die es kostet, sämtliche Interessen dieser Familie unter einen Hut zu bekommen. All das hast du nicht gesehen, aber auch das passiert hier.“ Ich denke gerade darüber nach, wie mein Hirn diese nicht so glanzvollen Dinge offensichtlich ausgeblendet hat, als Mutter Schaf nachschiebt: „Weißt du, was ich sehe, wenn ich auf deine Wiese rüber schaue, während mir gerade mal wieder eines der Lämmer ans Bein pieselt?“ Ich nicke erwartungsvoll. „Ich sehe, wie frei und kompromisslos du auf deiner Wiese herumspringst. Du kannst tun und lassen, was du willst, ohne, dass du auf irgend ein Schaf Rücksicht nehmen musst. Ich sehe, wie du Ruhe und Zeit für die Dinge hast, die dir Spaß machen. Du kannst dir die Nächte um die Ohren schlagen und danach ungestört ausschlafen. Und ich nehme nicht ohne Neid wahr, wie du hemmungslos flirtest und aufregende Abenteuer erlebst, während ich schon jetzt kaum noch besprungen werde. Und wenn, dann immer von demselben. Wenn ich also dein Leben sehe, würde ich manchmal gerne mit dir tauschen.“ „Na so toll ist das mit dem ständigen Alleinsein auch wieder nicht und diese Abenteuer sind manchmal echt anstrengend“, versuche ich zu relativieren. „Du dagegen hast ein sicheres Nest.“

Wir stehen wie bedröppelte am Gatter und wissen nicht mehr, was wir wollen. Der Blick wandert von der eigenen Wiese zur Wiese hinter dem Zaun und zurück. Das Gras auf der anderen Seite scheint plötzlich nicht mehr ganz so grün, dafür leuchtet die heimische Weide an einigen Stellen sichtbar. Mutter Schaf wird nachdenklich: „Ich habe die Single-Weide ja damals bewusst verlassen. Hätte ich es nicht getan, würde ich jetzt genau wie du da stehen und sehnsüchtig herüber schauen.“ „Die Sehnsucht lässt alle Dinge blühen. Der Besitz zieht alle Dinge in den Staub“, hat Marcel Proust mal gesagt“, philosophiere ich und resümiere: „Vielleicht sollten wir uns mehr auf die saftigen Fleckchen im eigenen Feld konzentrieren, uns der eigenen Wiese gegenüber etwas dankbarer zeigen und zu schätzen wissen, was sie uns Gutes hergibt.“ „Ja, das sollten wir“, stimmt Mutter Schaf mir zu. „Und das geht leichter, wenn man weiß, was man woanders verpasst. Also komm doch demnächst mal zu unserem harmonischen Familien-Abendessen vorbei. Du darfst die süßen Lämmlein danach auch ins Bett bringen.“ Mutter Schaf grinst mich wissend an. „Abgemacht. Aber nur, wenn du mit mir mal wieder nachts um die Tränken ziehst und nach Hammeln für mich Ausschau hältst.“ Ich grinse wissend zurück. Es ist gar nicht so schlecht, jemanden auf der anderen Seite zu kennen. Das Grün des Grases wird dadurch nuancierter.

Die Wellen des Lebens

„Ich habe einen Surfkurs gebucht und warte gerade auf meinen Surflehrer, der mir erklären soll, wie man auf dem Meer des Lebens richtig wellenreitet. Denn das Leben ist ein Ozean. Wir können darin untergehen. Oder wir können auf den Wellen tanzen. Aber wir müssen uns hineinstürzen…“

Stürzt Euch hier hinein in meine neue Kolumne bei emotion.de